Irgendwie erinnere ich mich an diesen Tag als wäre er gestern gewesen oder zumindest letzte Woche. Er ist nicht ganz ein Jahr her, aber ich spüre, dass ich diesen Beitrag schreiben muss. Also vor knapp einem Jahr, es war damals der Beginn der Osterferien, war ich eigentlich mit zwei meiner besten Freunde verabredet. Als ich schon bei einer guten Freundin war, hat ihr damaliger Freund abgesagt. Normalerweise würde ich gar nicht bei ihr sitzen, aber sie kennt mich so gut wie kaum jemand anderes. Ihr hatte ich es schon vorher anvertraut, dass ich manchmal das Gefühl habe, ein Mädchen sein zu wollen. Ich hatte mir Gedanken gemacht, ich konnte das Thema nicht mehr ignorieren. Also erzählte ich ihr von meinem Entschluss. Ich kann nur durch eine Geschlechtsangleichung glücklich werden, ich werde das nach dem Abitur in Angriff nehmen. Ich zitterte, sie meinte, dann muss ich dich zumindest ein bisschen pushen. Eigentlich wollte ich meiner Psyche zeigen, dass sie sich irrt. Tja, falsch gedacht…

Schnell zeigte sich, meine Psyche hat mir keinen Streich gespielt. Ich bin transsexuell. Für mich war das immer noch ein Schock. Ich redete darüber, zog weitere Freunde ins vertrauen. Vorher war da eine Blockade, darüber zu reden, sich anzuvertrauen, das im noch jungen Blog publik zu machen. Spätestens der Outingartikel war der Wendepunkt. Ich begann, die ganze Sache nicht mehr wie ein Staatsgeheimnis zu behandeln. Ich erzählte meinem Vater von meinen Gefühlen. Ich vermute, er ignoriert es bis heute oder nimmt es nicht ernst.

Allein deswegen ist der Wunsch auf eigenen Beinen zu stehen, auswärts zu studieren, im letzten Jahr in die Höhe geschnellt. Eine Bekannte sagte mal, nach allem, was dein Vater für dich getan hat, wird er das akzeptieren. Nur mein Vater ist der sturste Mensch, den ich kenne und wenn man bedenkt, dass er vier Kinder hat und keins außer mir Kontakt zu ihm hat, dann ist klar, warum ich befürchte, ihn zu verlieren. Das führt zur Verschärfung eines anderen Problems. Meine Angst Freunde zu verlieren, wird dadurch vergrößert. Wenn ich die größte Konstante meines Lebens verlieren könnte, möchte ich eine andere aufbauen. Das führt dazu, dass ich mich verrenne und, dass ich klare Aussagen haben möchte, wie Menschen zu mir stehen. Ich glaube, dass ich einige damit schon vertrieben habe. Menschen, die das Leben mehr genießen können oder vielleicht ihre Ängste nicht zeigen. Menschen, denen ich dennoch vertrauen würde, wenn ich müsste. Ich bin auch so anstrengend, lege Wert auf Beständigkeiten in der hektischen Welt, auf anständige Begrüßungen und Verabschiedungen. Letzteres könnte auch an meinem generellen Bedürfnis nach Umarmungen liegen. Mein Vater war nie der Typ für solche emotionalen Regungen. Vielleicht bin ich auch deshalb so pedantisch, was das angeht.

Manchmal habe ich dann das Gefühl mich furchtbar egozentrisch und fordernd zu verhalten und manchmal versinke ich gerade zu im Selbstmitleid. Ich weiß manchmal nicht, wen ich zu meinen engen Freunden oder auch Freunden zählen soll. Ich hab das Gefühl, nicht zu wissen, wie die Menschen zu mir stehen. Das verstärkt die eben beschriebenen Symptome nochmal. Deswegen habe ich versucht den Menschen, die mir was bedeuten in einem handgeschriebenen Brief zu sagen, was sie für mich besonders macht. Bei einigen weiß ich nicht, ob sie sie gelesen haben oder die Botschaft darin verstanden haben. Ebenso empfinde ich mich mit meinen Problemen als Last für andere. Ich will gar nicht weiter mutmaßen, wieso ich so agiere und ob ich das allein verbessern kann oder sogar muss.

Diese Gedanken, die ich auch nicht in Gänze darstellen konnte, überstrahlen dann auch manchmal meine Unzufriedenheit mit der Weiterentwicklung im letzten Jahr. Aber auch da spielt das Thema wieder eine Rolle. Vielleicht gehe ich den Freundinnen zu sehr auf den Nerv, wenn ich die um Rat frage oder ihnen meine Entwicklung zeigen möchte. Wie diese Entwicklung im letzten Jahr verlaufen ist?

Das letzte Jahr kann man am besten mit dem Ausspruch, mühsam ernährt sich das Eichhörnchen beschrieben. Es ist schwierig zu sagen, ob ich mit den Fortschritten zufrieden sein kann. Irgendwie sind dir Schritte immer noch klein. Ich hatte schon mehrmals darüber berichtet. Ich sehe immer noch eher aus wie ein Nerd denn wie eine Transfrau (auch wenn ich den Begriff nicht besonders mag, hier passt er). Einige Menschen haben den Drang mir irgendwie helfen zu wollen. Das hab ich sehr bei den Geburtstagsgeschenke gemerkt, denn obwohl es nicht unbedingt gewünscht war, haben sich die jungen Damen in meinen Bekanntenkreis es sich nicht nehmen lassen, mir sehr weibliche Geschenke (Concealer, Reinigungsmasken, Lidschatten etc.) zu machen. Damit haben sie auch einen Teil zu meiner Selbstfindung geleistet. Denn wie eine Person es formuliert hat „Du darfst alles ausprobieren“. Ich probiere vieles aus. Ich versuche mich auszutoben und herauszufinden, was mein individueller Stil ist. Ich spüre, wie ich immer weiter verändere, Dinge, die für mich früher ganz weit entfernt schienen, reizen mich. Ich verändere meine Einstellung zu Kleidung, Make-Up und weiteren Dingen. Sogar mein unterbewusstes Denken verändert sich schon. Ich las mal, dass eine Hormontherapie diesen Effekt verstärkt.

Für einige Menschen ist dabei eine weitere Frage von Belang. Was werde ich auf dem Abiball tragen? Eine Frage, die mich bisher nur peripher bewegt hat, drängt sich in den letzten Tagen auf. Diesmal nicht, weil Freundinnen sie aufwerfen. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich den Mut aufwenden kann, wirklich ein Kleid zu tragen. Auch wenn ich inzwischen glaube, dass deutlich mehr Leute über meine Transsexualität wissen, als ich weiß, wäre es immer noch eine große Offenbarung. Da sind wir wieder bei den kleine Schritten. Ich weiß auch nicht wie viel über diese Tatsache von meinen Freunden in meinen Abibuchtext (sollte er denn inzwischen geschrieben sein) gepackt worden ist.

Auch wenn ich mir bezüglich der Transsexualität 100% sicher bin. Es ist immer noch seltsam für mich, diese Tatsache voll einzubinden. Es ist einfach seltsam von mir in der weiblichen Form (z.B. Bin ich die einzige?) zu sprechen. Vor allem, weil ich dann meine furchtbar klingende Stimme höre, die nunmal überhaupt nicht weiblich klingt. Deswegen bin ich auch bei meinen Freunden nachsichtig, wenn sie sich an den Status Quo halten. Sie zeigen oft genug, dass sie mich bei dieser tiefgreifenden Veränderung unterstützen. Das berührt mich und ich bin dankbar dafür, denn die Angst Freunde zu verlieren, ist immer wieder eine Blockade.

Ich bin dankbar für jedes offene Ohr, jeden Tipp und jedes belanglose „Frauengespräch“. Ich bin für jede noch so kleine Geste der Akzeptanz dankbar, selbst die, die in flotten Sprüchen oder schlechten Witzen versteckt ist. Das vereinfacht mir das zum alltäglichen zu machen. Nur manchmal neige ich dazu das Schlechte zu sehen und die Dankbarkeit nicht zu zeigen. Dann erdrückt meine Psyche mich und trübt den hoffnungsvollen Blick durch die Erkenntnis jahrelang einem Trugschluss aufgegessen zu sein, dem Wunsch schneller Fortschritte zu machen und der Angst vor der Veränderung. Die Chance zum Neuanfang bietet sich bald, jedoch hat jeder die Chance, die wahre Person, die sich in meinem Körper versteckt, in Gänze kennenzulernen.

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5 Kommentare zu „Ein Jahr Selbsterkenntnis – Eine Reflexion

  1. Ich hab mich ja auf deinem Blog etwas rumgetrieben und deshalb auch über das Thema Transsexualität gelesen. Nun kennen wir uns überhaupt nicht und ich dachte, es wäre überheblich von mir, so ein privates Thema zu kommentieren. Es nicht zu kommentieren, gleicht für mich allerdings einem Totschweigen. Und ich schweige eigentlich nie etwas tot. Also los:
    Ich wollte erst sagen, es wäre mir egal. Das ist aber von der Wortwahl her Blödsinn. Meine eigentliche Message geht in die „egal“-Richtung, wie du sehen wirst. Aber nichts auf der Welt ist „egal“.
    Meine eigentliche Message lautet: Es ist dein Leben. Also mach einfach das, was du willst.
    Klingt einfach, aber natürlich ergeben sich daraus zwei Spannungsfelder: 1) Was willst du eigentlich? Selbsterkenntnis ist immer schwer. Und 2) Was sagt dein Umfeld dazu? Spielt für Verhalten etc. letztendlich immer eine Rolle.
    Ich jedenfalls habe keine Probleme damit. „Es ist mir egal“ klingt falsch. Es muss heißen: Ich akzeptiere und respektiere das zu 100 Prozent. Hilfe, klingt das schleimig. Und trotzdem ist es wahr.
    Ich werde dich jedenfalls immer mit der weiblichen Form ansprechen, wenn du das so möchtest 😊 Und das total selbstverständlich. Die viel wichtigere Frage ist doch: Lieber Elena oder lieber Sophie? 😜 Ich finde Sophie einen schönen Namen (Nein, kein Geschleime, echt so. Liegt nämlich daran, dass ich Sophia mit a total mag. Daher finde ich wohl auch Sophie mit e schön. Ist ja nicht so weit voneinander entfernt). Gibt ja auch Leute, die benutzen lieber ihren zweiten Vornamen, mein bester Freund zum Beispiel 😂 Aber nochmal: Es ist dein Leben.
    Zum Schluss beantworte ich noch eine Frage, die ich mir selber gestellt habe: „Bist du jetzt absichtlich so lieb, nur weil du die LGBT-Community unterstützt, weil du selber bisexuell bist?“
    NEIN! Ich bin grundsätzlich zu jedem Menschen lieb. Und ich kämpfe tatsächlich gegen alle Hater und für Gleichberechtigung und Toleranz. (Was sicherlich auch mit einer Prise Egoismus, weil Bedürfnis nach Anerkennung, verbunden ist. Das ist wohl bei jedem Menschen so. Komplimente zum Beispiel sind für mich immer ernst gemeint, ich will anderen die Dinge ehrlich sagen und ihnen eine Freude machen. Trotzdem ist auch stets ein gute Gefühl dabei, zu wissen, andere Leute mögen mich auch in diesem Moment, weil ich etwas Positives gesagt habe. Das gehört irgendwie dazu.) Aber wenn mir jemand auf die Nerven geht, sag ich ihm das auch deutlich, sofern der Anlass begründet ist. Und dann ist es wirklich egal, wer das ist, welche Sexualität etc. Ich fasse keinen aufgrund „äußerer Kriterien“ mit Samthandschuhen an 😉
    So, das musste ich jetzt einmal sagen bzw. schreiben. Damit habe ich eine Grundlage gelegt. Ich kläre Grundlagen gerne am Anfang 😎
    Achja, Grundlagen: Hallo auch, ich bin Johannes, 21 Jahre alt, Student, Hauptfach Geschichte, Nebenfach Politikwissenschaft, im 6. Bachelorsemester (dem für mich auch letzten Bachelorsemester), großer ESC-Fan 😎
    So. Jetzt kann ich weiter über Musik, Film, Geschichte etc. lesen und kommentieren. Deswegen bin ich ja hier 😉

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    1. Hallo Johannes, du hast in den letzten Tagen für einen Aufrufrekord gesorgt.😁
      Du hast etwas angesprochen, was mich schon länger beschäftigt, nämlich, darf man etwas gutes tun, wenn man erwartet dafür Anerkennung zu erhalten. Ich glaube, ja denn es ist ein gutes Gefühl Anerkennung zu spüren.
      Ich glaube dir, dass du offen und ehrlich bist. Es freut mich, dass du den Blog magst und Zeit investierst ihn zu lesen und zu kommentieren. Ich glaube übrigens, dass du mich besser kennst als einige andere Menschen, weil du nur das kennst, was ich schreibe und dir dadurch ein Bild machst.
      Da ich mir meinen Namen ja selbst ausgesucht habe, bevorzuge ich den ersten Namen😉

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      1. Yay, ich war endlich mal für einen Rekord gut!!! 😄
        Weil es mein letztes Semester im BA ist, hab ich wenig zu tun. Nein, das stimmt nicht ganz. Ich hab wenig Uni-Veranstaltungen. Am Di 2h „Kurs Prüfungsvorbereitung Neuere und Neueste Geschichte“. Am Do 4h „Demokratie und Repräsentation“ als Aufbaumodul in PoWi. Das war’s.
        Aber dann: Ich muss neben dem 2h Kurs auf die mündliche Prüfung darüber lernen, das ist viel zum Lesen und Lernen. Und ich muss eine 40seitige BA-Arbeit schreiben. Und eine PoWi-Hausarbeit im 4h Seminar. Also noch eine Menge vor…
        Ich kann mir die Zeit zum Lernen und Schreiben aber frei einteilen und nach einem Referat am Di (Gründung der UdSSR) hatte ich mehr Lust auf den Prinz-Blog und dann auf deinen „neu entdeckten“ Blog, als auf Lernen. Ich schiebe gerne Sachen auf…

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  2. Ich habe unter diesem Artikel noch das Bedürfnis, etwas zur „Kleidungsfrage“ auf deinem Abiball zu sagen. Ich würde es mich nicht trauen, ein Kleid zu tragen. Dann kommen möglicherweise wieder irgendwelche Hater an – und mit denen kenne ich mich aus: Meine Bisexualität bzw. meine aufkommenden Gefühle für Männer spielten in meinen letzten Schuljahren auch (aber nicht nur) aufgrund mancher doofer Leute in der Parallelklasse keine Rolle – also nicht „öffentlich“ in der Schule meine ich…
    Deshalb würde ich persönlich das „männliche Outfit“ etwas tunen 😉 Frauen tragen ja auch Blazer. Vielleicht nimmst du ein buntes Einstecktuch oder machst „Verzierungen“ ans Sakko. Dezenten Glitter irgendwohin oder so. Vielleicht trägst du Armreife, Ringe, eine Halskette… So kleine Sachen, die zwar deutliche Akzente setzen, aber den Doofies nicht direkt Angriffsfläche bieten und möglicherweise nur von „Insidern“ deutlich interpretiert werden können 😉 Mein Motto in der Schule war immer „möglichst wenig Angriffsfläche für die Trolle aus der Parallelklasse“ 😂😂
    So, das war mein Fashion-Beitrag. Den Rest überlasse ich gerne anderen, ich kenne mich da nicht aus 😊

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