Endlich habe ich es geschafft die erste Staffel der umstrittenen Netflixserie „Tote Mädchen lügen nicht“ anzusehen. Wer hier eine Standard Serienkritik erwartet, sollte nicht weiter lesen. Hier geht es um die heftige Kritik und warum ich sie für ungerechtfertigt halte. Hierbei kann es zu spoilern, sollte jemand noch langsamer als ich sein, kommen!

Vor allem Ärzte und Psychologen kritisieren die Serie für einen romantischen Umgang mit Selbstmord sowie der Verstärkung der Probleme bei psychisch labilen Jugendlichen. Begründet worden ist dies durch eine Zunahme von Suizidversuchen.

Allerdings glaube ich, dass es eine Serie geben muss, die dieses Thema adäquat darstellt, denn schon vor 13 Reasons Why (englischer Titel) war Suizid die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen. Die High School wird hier als Haifischbecken dargestellt, ohne satirische Überhöhung aber auch ohne Beschönigungen. Die in der Serie thematisierten Probleme wie Mobbing, Ausgrenzung, die Art Kastensystem werden hier so weit gezeigt, dass es weh tut. Jeder Charakter macht Fehler, jeder Charakter selbst Bryce Walker, ein Triebtäter der mindestens zwei Mädchen vergewaltigt hat, hat gute Seiten. Die Serie ist harter Tobak, wenn eine Vergewaltigung gezeigt wird, aber sie ist realistisch.

Hannah Baker gibt dreizehn Gründe an, manche mögen Bagatellen sein, doch die Kombination der Dinge forcierte ihre Entscheidung. Sie war verleumdet, gemobbt, schikaniert und vergewaltigt worden, war zum Schluss nicht mehr fähig richtig zu lieben. Hannah Baker ist kein leichtfertiges Opfer, sie hätte sich retten können, doch sie hatte keine Kraft mehr. Der Selbstmord wird intensiv dargestellt, so dass es einen den Magen umdreht. Hannah wählt einen schmerzvollen, qualvollen Tod. Die Vorstellung des romantischen Selbstmord wird nicht vermittelt. Im Gegenteil, dadurch dass die Folgen gezeigt werden, wird das vermieden. Die wenigsten bereuen ihre Taten, einzig Alex, Tony und Protagonist Clay trauern aufrichtig. Hier ist die Serie deutlich besser als das Buch. Denn das Buch schildert nur Hannahs Wahrheit, während die Serie andere Sichtweisen oft andeutet.

Das Buch sorgte 2007 schon für eine kleinere Kontroverse, aber damals legten sich die Wogen schneller. Mir wurde das Buch mal von einer Schulkameradin empfohlen, ich war damals zu meiner Heimzeit fasziniert von der Geschichte. Zur Einordnung, die Klassenkameradin war damals 12. Ich habe das Buch erst drei Jahre später gelesen und dann meiner besten Freunden ein Exemplar zum 16. Geburtstag geschenkt.

Was keiner geahnt hat, ich hatte damals erste Gedanken an Selbstmord. Einmal ging es soweit, dass ich zu einem Betreuer sagte „Ich würde mich lieber umbringen als hier zu leben, ich würde dich am liebsten mit umbringen.“ Die Selbstmordgedanken kamen und gingen, zuletzt hatte ich sie Anfang des Jahres. Ich glaube ich bin die Definition eines psychisch labilen Menschens auch wenn es das letzte halbe Jahr wirklich aufwärts geht. Ich hatte kein Gefühl, dass die Serie mich dahin leitet Selbstmord zu begehen. Eher im Gegenteil, ich hatte mehr und mehr das Gefühl dass ich in Vergleich zu Hannah Baker keinerlei Gründe für Suizid hätte. Die Selbstmordszene war eine Bestätigung, ich fühlte Ekel und die Scham vor Selbstverletzung, die mich bisher abhielt, zeigte sich besonders stark. Deswegen denke ich, dass die Kritik überzogen ist, auch wenn der „Werther Effekt“ (Selbstmordhäufung nach Vorkommen in Literatur oder Theater) hier zum tragen kommt. Die Serie ist nicht Auslöser, sie kann aber Mittel dagegen sein.

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