Inhalt

Im England des späten 18. Jahrhundert regiert die sowohl physisch als auch psychisch labile Queen Anne (Olivia Colman) das Land unter dem Einfluss ihrer Vertrauten Lady Marborough (Rachel Weisz). Diese forciert den Krieg gegen Frankreich gegen den Willen des Oppositionsführers (Nicolas Hoult), hält die gezeichnete Königin aber auch bei Laune. Mit Ankunft der verstoßenen Abigail (Emma Stone) beginnt ein Spiel aus Intrigen und Irrsinn am britischen Hofe…

Kritik

Der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos hat mit seinen ersten Filmen für Furore gesorgt und seinen eigenen skurrilen Stil kreiert. „The Favourite“ ist der erste seiner Filme, bei dem er nicht auch das Drehbuch schrieb. Dennoch drückt Lanthimos den Film einen skurrilen Stempel auf. Das zeigt sich schon an den ungewöhnlichen Kameraperspektiven und Kamerafahrten ebenso wie an dem tiefschwarzem Humor, der in einigen Szenen angedeutet wird. Dieser Humor ist dazu noch oft subtil gestaltet, sodass in meiner Kinovorstellung nur eine Handvoll Leute inklusive mir gelacht haben (dazu später mehr).

Bei aller Ridikülität der Umsetzung behandelt der Film einen tief dramatischen Plot, der sich um Ruhm, Vertrauen, Verrat, Liebe und Lust dreht. Die Beziehungen der Charaktere ändern sich im Laufe des behutsam aber nicht langweilig aufgebauten Film stetig. Dies funktioniert vor allem wegen der Klasse der weiblichen Darsteller. In meinen Augen spielt am ehesten Emma Stone die Hauptrolle in einer Art und Weise, wie es viele sicher überraschen wird. Stone ist ebenso großartig wie Olivia Colman, die herrlich die launische, angeschlagene Queen Anne verkörpert und Rachel Weisz, die die machthungrige Lady immer noch mit einem Schuss Sympathie anzulegen vermag. Überhaupt sind die Charaktere nicht einfach boshaft oder schlecht, sondern sehr fein und ambivalent gestaltet. Dies ist gerade in Anbetracht der grotesken Art des Films besonders lobenswert. Auch wenn der Wahrheitsgehalt dieser Fassung anzuzweifeln ist, würde es mich nicht wundern, wenn am britischen Hofe solche Zustände geherrscht hätten. Die im Film gesprochene Sprache ist in manchen Momenten sehr nah an der heutigen, in den meisten jedoch zeitgetreu erhaben und eloquent, was mich einige male zum Lachen gebracht hat.

Neben der Tiefe des Inhaltlichen ist auch das Setting gewaltig, das Szenenbild ist genauso beeindruckend wie die pompösen Kostüme und das brillante Make-Up. Über die Kamera habe ich mich schon zu Beginn lobend geäußert, die Filmmusik ist hier sehr prägnant, ohne dass sie nervt. Vor der Vorstellung habe ich den älteren Damen erzählt, dass der Film 10 Oscarnominierungen erhalten habe, woraufhin sie verwundert meinten, ob es überhaupt so viele Kategorien gäbe. Zu Beginn des Abspanns sagte die eine zur anderen, dass die Oscarnominierungen verdient seien, ich kann ihnen nicht widersprechen. Sowohl die Nennung in den technischen Kategorien, als auch die Drehbuchnominierung, als auch die Nominierung der drei genannten Damen sind gerechtfertigt. Folgerichtig muss der Film auch in der Königskategorie genannt werden und der Regisseur gewürdigt werden. Ich hoffe inständig, dass der Film den ein oder anderen Oscar gewinnt, auch wenn er nicht perfekt ist, so empfand ich den achten Akt (der Film ist in Akte gegliedert) als in dieser Form nicht notwendig, was die Schlussszene jedoch fast ausgleicht. In der ein oder anderen Szene hätte man den Humor besser transportieren können und hin und wieder erschienen Szenen einen Tick zu lang oder zu kurz. Meine Lieblingsszenen sind die Hochzeitsnachtszene sowie die Schlussszene.

Fazit

Vielleicht ist „The Favourite“ einen Tick zu lang, jedoch ändert dies nichts an der Klasse des Films. Das Hauptdarstellertrio brilliert vor prächtiger Kulisse in der skurrilsten Kostümfilmhistoriencharakterdramaverfilmung, die ich gesehen habe. „The Favourite“ ist für Cineasten ein Genuss. 9(,5)/10

Anekdote

Die eben angesprochene ältere Dame hat immer mal wieder zum Abschluss einer Szene in den Film reingesprochen. Dabei zeigte sie einen trockenen Humor, so meinte sie zum Beispiel in der Hochzeitsnachtsszene: „Realistische Abbildung einer Hochzeitsnacht.“ dies hat mir den Film noch ein bisschen versüßt…

 

 

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5 Kommentare zu „The Favourite – Intrigen und Irrsinn

  1. An Mitzuschauer-Erlebnisse erinnere ich mich auch gern. Waren die älteren Damen denn Oma-alt oder eher so mittleren Alters? Den Film im Zusammenhang mit begeisterten Senioren kann ich mir gerade weniger vorstellen. Aber vielleicht ist das auch ein Vorurteil. 🙂

    Die Zeit, in denen man die drei Grazien auf der Leinwand sieht, ist sicherlich fast gleich. Rachel Weisz verschwindet halt für eine gewisse Zeit, Emma Stone ist letztendlich „The Favourite“, aber Olivia Colman hat eine Intensität, die noch weit nach dem Kinobesuch strahlt. Am Ende haben alle drei Charaktere verloren, eigentlich eine wirklich traurige Geschichte.

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    1. Die Damen waren tatsächlich im Seniorenalter, die eine wirkte wie eine Cineastin, auch wenn die nicht wusste, wie viele Nominierungen The Favourite hatte, aber sie wollte sich noch Maria Stuart und Boy Erased angucken.
      Olivia Colman ist schon brutal, aber ich hätte sie lieber in der Nebenrollenkategorie gesehen. Ich hoffe sie bekommt noch einige sehr gute Rollen zum Scheinen. Bei Emma Stone mache ich mir da keine Sorgen, die hat aber auch schon einen Oscar…

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      1. Olivia Colman war schon lange zuvor großartig, mir ist sie erstmalig in Tyrannosaur aufgefallen. Bislang war sie mehr in Großbritannien ein Star und bekannt in kleineren amerikanischen Filmen. Das hier ist definitiv ihr Durchbruch, hätte sie eine Kampagne für die beste Nebenrolle geführt, würde sie definitiv einen Oscar gewinnen. Alle drei wären aber niemals in dieser Kategorie nominiert worden und sie wollte wohl auch für die Beste Hauptrolle antreten. Naja, irgendwann klappt es bei ihr sicher auch. Ist ja längst noch nicht so alt wie Glenn Close, bei ihr wird es echt Zeit. 🙂

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