Lange bin ich die Antwort nach meinen Kriterien für einen Film schuldig geblieben, vor allem der Kollege Filmkritiken OD hat mich immer wieder in die Defensive gedrängt. Zuletzt hat dieser in einer sehr empfehlenswerten Folge des sich ohnehin lohnenden FilmBlogCasts das Thema, ob man Filme objektiv bewerten kann, aufgeworfen. Um es kurz zu machen, man kann es nicht. Die individuelle Prägung, der individuelle Geschmack werden immer einen Einfluss nehmen. Wer sich jedoch über Filme ernsthaft austauschen möchte, muss in der Lage sein dies zu reflektieren und einordnen zu können. Deswegen würde ich mich in meinem realen Freundeskreis als die Person mit dem größten Filmsachverstand bezeichnen, hier im Rahmen der Bloggerkollegen würde ich das nie wagen, dafür ist mein Blick nicht breit genug. Allerdings spüre ich gerade eine große Lust, viele Filme zu entdecken (dazu gehört, dass ich den Lieblingsfilm von Benjamin alias Filmkritiken OD „Reservoir Dogs“ endlich auf Netflix gesehen habe) und ich merke, dass ich strenger werde. Ich muss nicht jedem guten Film eine 10/10 oder eine 9/10 geben, ein guter Film kann auch „nur“ eine 7/10 bekommen, ich werde auch einige Filme leicht runtersetzen. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie ich Filme bewerte und wie ich versuche, es so objektiv wie möglich zu halten, auch wenn es ein Drahtseilakt ist.

Im Gegensatz zu anderen sehe ich meine Lieblingsfilme nicht als die besten Filme, die ich gesehen habe, an. Das habe ich letzte Woche schon angedeutet, denn Filme wie „Schindlers Liste“ oder „Requiem For A Dream“ oder „Uhrwerk Orange“ würde ich auf die Liste der besten Filme, die ich gesehen habe packen, für Lieblingsfilme haben sie eine Sache nicht. Ich kann diese Filme nicht oft sehen, ich kann mir „Uhrwerk Orange“ höchstens alle drei Jahre sehen, „Zurück In Die Zukunft“ könnte ich alle drei Wochen sehen, wobei ich bis Ostern keinen Film sehen will, den ich in den letzten zwei-drei Jahren mehr als einmal gesehen habe, gucken will, um Klassiker nachzuholen. Dabei ist die Frage nach der Sehfrequenz keine Qualitätsfrage, sondern eine Frage nach der individuellen Vorliebe. Überhaupt ist es schwierig Qualitätskriterien festzulegen, dennoch werde ich versuchen meine Art Filme zu sehen und zu beurteilen darzustellen.

Davor ist es jedoch wichtig zu verstehen, wie sich meine Filmleidenschaft entwickelt hat, denn das prägt mich bis heute und ich glaube jeden anderen Filmfan geht es genauso. Ich hatte sehr früh ein Interesse an „Erwachsenen Filmen“, weswegen ich zum Teil Actionfilme mit acht-neun Jahre gesehen habe. Vielleicht bin ich deswegen immer kritischer, was Actionfilme angeht. Jedoch hat mir das die Furcht vorm Grauen genommen, weswegen mir Horrorfilme oder diese brutalen Filme mir meistens absolut nichts geben. Irgendwann mit elf-zwölf Jahren habe ich angefangen mich für ernste Themen, für Dramen zu interessieren. Damit entwickelte sich eine Filmleidenschaft, die jene meines Vaters übersteigt. Erst in den letzten Jahren entwickelte sich der Wille möglichst jeden interessanten Film zuerst im Kino zu erleben. Dadurch, dass ich durch Filme mit einem weniger narrativen Fokus an den Film herankam, könnte man denken, dass die Narrative einen geringeren Stellenwert einnimmt. Das Gegenteil ist der Fall, die Narrative muss stimmen. Ein Film muss etwas erzählen, das muss nicht eine kongruente Geschichte sein muss, aber ein Film in dem ich nichts narratives erkennen kann, ist für mich ohne Wert, was meine Abneigung gegen den hochgelobten „Mad Max: Fury Road“ erklärt. Daneben möchte ich Billy Wilder zitieren: „Du musst unterhalten.“. Ein Film muss unterhalten, in welche Weise er das tut, ist sekundär. Ein unterhaltsamer Film ist nicht zwangsläufig leicht, auch ein Drama muss unterhalten, jedoch auf andere Weise. Ein Thriller unterhält durch kaum aushaltbare Spannung, eine Komödie durch komische Momente, ein Drama durch Identifikation, Fassungslosigkeit oder auch durch Spannung. Die Weiterführung ist das Wecken von Gefühlen, ein Film muss Trauer, Wut, Lust, Freude wecken, er muss etwas in seinem Zuseher erreichen. Was einen Film auszeichnet ist sein Rhythmus, „Forrest Gump“ hat einen sehr eigenen Rhythmus, der aber funktioniert. Viele Filme haben da in meinen Augen kleinere Probleme, selbst die besten. Natürlich gibt es etliche weitere Faktoren, die einen Film in seiner Qualität beeinflussen, aber für das Gesamtbild ist ein gelungenes Szenenbild weniger wichtig als eine Narrative oder eine Aussage. Das Gesamtbild des Films kann gelungen sein, mir jedoch nicht gefallen wie bei „Roma“ oder aber nicht stimmen und mir gefallen wie bei „Con Air“.

Wie man vielleicht merkt, ist das ganze sehr abstrakt, weil man kann Filme nicht nach einem Bewertungsraster wie eine Deutschklausur bewerten. Die entscheidende Frage ist, wie ordne ich den Film ein? Irgendwie lasse ich mich dann doch darauf ein, ein Bewertungsraster zu erstellen. Inzwischen sollte man mein 10 Punkte Raster kennen, was die einzelne Zahl aussagt, dazu komme ich gleich, vorher möchte ich begründen, warum ich überhaupt ein Zahlenschema nutze. In meinem Fall ist die Zahl eine Einordnung, die die Kritik relativiert vor dem subjektiven Eindruck. Bei „Bohemian Rhapsody“ war ich extrem enttäuscht und habe eine Kritik geschrieben, die fast schon vernichtend ist. Dennoch steht da eine 6/10, die im Vergleich zum geschriebenen hoch wirkt, während „Bumblebee“ von mir deutlich positiver rezensiert wurde, jedoch eine ähnliche Bewertung erhalten hat. Genauso ist es bei „Roma“ und „Con Air“, denn der Film, den ich mag gebe ich hier im Endeffekt die niedrigere Bewertung, weil ich ihn für den schlechteren Film halte. Das ist ein extrem schmaler Grat, der kaum funktionieren kann, aber ich versuche es. Das ist der kleine Einblick in mein Filmrezensionsverständnis. Wenn man jetzt meine Skala verstehen möchte, Filme mit 10 oder 9 Punkten können bedenkenlos gesehen werden, 8 oder 7 Punkte bedeuten einen guten Film, der aber nicht sein volles Potenzial ausschöpft, 6 oder 5 Punkte bekommen solide Filme, die irgendwie okay sind aber nicht besonders gut sind. Alles darunter ist wirklich schlecht. Wenn ich das ganze genauer aufdröseln soll, kann ich das wenn gewünscht, gerne nochmal ausführlich machen.

Eingangs habe ich erwähnt, dass ich mich in meinem Freundeskreis für die Person mit dem größten Filmsachverständnis halte, das entscheidende für mich ist jedoch Menschen zu Filmen zu bringen, die sie sonst nicht sehen würden. Mein bester Freund meinte zum Beispiel als wir über meine Lieblingsfilme gesprochen haben über „American Beauty“, dass ich ihn den mal empfohlen habe und er ihn super fand. Das hat mich dann fast schon wieder mit seiner Abneigung für „Back to the Future“ versöhnt. Insgesamt wächst in mir die Lust auf den Filmdiscours, die eigene Einstellung zu reflektieren und zu begründen. Das ist wichtiger als eine tiefrationale Sichtweise oder eine Scheinobjektivität.

Zum Abschluss möchte ich noch zwei Ankündigungen machen. Erstens werde ich immer zu Beginn des Quartals einen Beitrag über die Kinostarts machen, bei der ich einordne, wie wahrscheinlich es ist, dass ich mir diese Filme ansehen werde. Zum anderen habe ich mir jetzt einen Letterboxd Account zugelegt. Letterboxd ist ein Pendant zu IMDb, bei dem man aber auch Nutzern folgen kann, eine Art Filmtagebuch führen kann und ein paar weitere Goodies findet. So habe ich den Großteil der Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe und bei denen ich mich traue eine Einordnung ins Schema zu geben bewertet. Daneben führe ich seit dieser Woche auch das Filmtagebuch, in das ich jeden Film eintragen werde, den ich sehe und mit einem ersten Eindruck versehen werde. Wenn man wissen will, was ich aktuell gesehen habe und ein-zwei Sätze lesen will, kann man mir da folgen, ergänzend zu den längeren Filmkritiken und dem Monatsrückblick (die davon unberührt sind).

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9 Kommentare zu „Wie ich Filme bewerte (ein Versuch)

  1. Danke erstmal für die überschwellige Werbung 🙂

    „Ich muss nicht jedem guten Film eine 10/10 oder eine 9/10 geben, ein guter Film kann auch „nur“ eine 7/10 bekommen“

    Die Frage ist, worin der genaue Unterschied liegt. Und, ob es überhaupt einen Unterschied macht. Wie im Podcast angedeutet, bin ich so gar kein Freund dieser Zahlenbewertungen, weil sie im luftleeren Raum erstmal nichts aussagen. Und selbst dann, wenn man ihnen Adjektive wie „gut“, „sehr gut“, „okay“, „Müll“ gibt, dann weiß man noch längst nicht den Grund dafür. Wie du ja schon selbst schreibst hat es unzählige Gründe, warum dir selbst Filme gefallen und reflektierst so weit, dass selbst ein Film, bei dem so vieles passt, wie bei Roma, im Bewertungsschema unter ferner liefen liegt. Allein anhand der Zahlenbewertung ist da nichts gewonnen. Hinzu kommt der von dir aufgeworfene Punkt, dass Text und Zahlenbewertung teilweise weit auseinanderliegen (was eigentlich nicht sein kann, wenn man den Zahlen einen festen Wert beimessen wollte).
    Deswegen plädiere ich dafür die Zahlenbewertung wegzulassen und stattdessen lieber ein prägnantes Fazit aufzustellen. Oder wegen mir das ganze neben die Zahlenbewertung zu schreiben. Aber das nur zu meiner Sichtweise. Filmkritik wird leider viel zu wenig diskutiert und einfach hingenommen und gemacht.

    Reservoir Dogs war hoffentlich eine gute Entscheidung 🙂 So wie ich herauslese, hast du ihn in etwa so stark empfunden, wie ich American Beauty bewerten würde. Es gleicht sich also alles aus ^^

    Dass Mad Max: Fury Road keine Geschichte erzähle, möchte ich an dieser Stelle vehement abstreiten. Er erzähllt durch seine Welt sogar unzählige Geschichten, die er aber nicht weiter ausführt und dem Zuschauer viel überlässt (neben seiner eigentlichen Geschichte rund um den Umsturz eines Diktators, Sexismus und das Leben in einer Endzeit-Dystopie). Allein, daraus, dass die Typen sich Chromlack um den Mund schmieren, hätte manch anderer Film eine drei-minütige Erklärszene gemacht, damit es auch der Bankdrücker in der letzten Reihe mitbekommt. Der Film hält sich insofern stark an das in der Literatur vorherrschende Mittel des „Show don’t tell“.
    Leider wird das in meinen Augen so selten in US-amerikanischen filmen genutzt, dass man es nicht mehr gewohnt ist. Wer nur auf Action steht, kommt glücklicherweise auch in den Genuss, weswegen der Film meiner Meinung nach in beide Richtungen vorzüglich funktioniert.

    „Insgesamt wächst in mir die Lust auf den Filmdiscours, die eigene Einstellung zu reflektieren und zu begründen. Das ist wichtiger als eine tiefrationale Sichtweise oder eine Scheinobjektivität.“

    Punkt.

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    1. Habe mir mal dieses, mir vorher unbekannte Letterboxd angesehen (schlagt mich bitte nicht, ich bin ja kein Filmblogger, mich haben diese Portale ehrlicherweise nie sonderlich interessiert, ich gucke einfach den Film, wenn ich ihn gucken will und fertig 😂) Sieht sehr schick aus… Aber: der gute Benni hat schon über 1700 Filme da bewertet? Holy, das ist so einiges… Jetzt könnte man sagen, klar, ich hab ja auch schon unzählige Songs angehört, aber so einen Film zu sehen, ist zeitlich etwas aufwändiger als ein 3 min Lied…
      Ich Serienfreak beende dieses WE erstmal die 2. Staffel von „Once Upon A Time“. Unfassbar geniale Serie, ich liebe den Plot, die Figuren und Verstrickungen 😍😍 Aber wehe, jemand spoilert hier Staffel 3 bis 7! 😜😊

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    2. Naja, bei dir liegt Roma unter ferner liefen, ich habe ihm eine ziemlich gute Bewertung gegeben. Ich finde, ein Zahlenwert allein ist ein nettes Überblicksgimmick gerade bei Letterboxd. Allerdings gebe ich dir Recht, dass man einen Film Unrecht tut, wenn man ihn allein an der Zahlenwertung festmacht. Deswegen ziehe ich immer ein wiederholendes Fazit, das den Kern meiner Kritik einfängt.

      Reservoir Dogs ist ein sehr guter Film, der hat sich absolut gelohnt und den werde ich öfters sehen.

      Bei Mad Max muss ich sagen, dass ich ihn dreimal gesehen habe und die Rahmenhandlung kaum erzählt wird. Bei der Sache mit dem Chrom sag ich, gut, dass sie das so erzählt haben, aber der Film ist für mich ohne Hand und Fuß, als wüsste man nicht, wie man diese Welt zeichnen sollte. Ich empfinde ihn als zweistündige Dauerverfolgungsjagd, in der man nichts mitbekommt und am Ende ein Herrscher gestürzt wird. Etwas weniger wäre hier mehr gewesen, denn technisch ist der Film brillant.

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      1. „ich habe ihm eine ziemlich gute Bewertung gegeben“

        Stimmt, da war ja was mit 8/10. Nur las sich der Text wesentlich schlechter, weswegen ich das auch so abgespeichert habe. ^^

        „Allerdings gebe ich dir Recht, dass man einen Film Unrecht tut, wenn man ihn allein an der Zahlenwertung festmacht.“

        Einem Film tut man irgendwie auch Unrecht, wenn man ihn anhand der Bewertungen von anderen festmacht. Also schau dir beruhigt „Wonder Woman“ an 😉

        „Bei Mad Max muss ich sagen, dass ich ihn dreimal gesehen habe und die Rahmenhandlung kaum erzählt wird.“

        Wie gesagt, wird sie nicht mit der Faust ins Gesicht erzählt. Der Film (und dessen Story) kann man durchaus selbst mit seinen eigenen Gedanken füllen. Es gibt genug Ansätze, Szenen und Geschehnisse im vermeintlichen Hintergrund dafür. So zumindest meine Sichtweise auf das Ganze.
        Filme, die alles auserzählen, fehlt doch die Fun-Ta-Sie…

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        1. Ich glaube du meinst Captain Marvel, den gucke ich mir nächste Woche im 2 für 1 an, vielleicht schaue ich auch Beale Street, der läuft bestimmt auch nicht mehr lange.

          Kann sein, aber der Film hat mich überhaupt nicht abgeholt, um diese Gedankengänge zu machen, sondern will mir mehr eine Materialschlacht vorsetzen. Das finde ich bei Filmen wie Annihilation oder 2001 wesentlich raffinierter umgesetzt, auch wenn die Filme kaum vergleichbar sind…

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  2. Schöner Text, alles nachvollziehbar und bin auch grundlegend deiner Meinung.
    Nur zwei Kleinigkeiten: Lieblinfilme sind bei dir nicht gleichzeitig die Filme, die du am besten findest? Zumindest bei mir ist das anders. Meine Top-Filme aller Zeiten sind auch gleichzeitig die Filme, die ich am liebsten sehe. Vielleicht nicht so oft, weil sie ein schwieriges Thema haben und mega lang sind, aber von diesen Filmen fühle ich mich am besten unterhalten. Die anderen Filme sind eher meine Top Feel-Good-Movies, da wäre dann so etwas wie Indiana Jones, Harry Potter oder auch Zurück in die Zukunft dabei.

    Zweite Kleinigkeit: Gebe dir vollkommen recht, dass eine Einteilung in ein Zahlensystem extrem schwierig ist und eine Gradwanderung. Auch ich gebe gefühlt eine bessere Punktzahl, wenn ich weiß, dass der Film grundlegend gut war, aber mir persönlich nicht so gut gefallen hat. Bestes Beispiel, wie bei dir, war „Roma“. Davon komme ich aber immer weiter weg unzwar bewusst. Eine Bewertung ist für mich die eigene Meinung so kompakt wie möglich ausgesprochen. Ein kleines Detail kann zwei Punkte abzug geben, während bei anderen FIlmen eigentlich alles toll war und es trotzdem aus irgendwelchen Gründen keine hohe Punkzahl gibt. Eine Einordnung durch filmische Maßstäbe („Eigentlich war der Film gut erzählt, gute Schauspieler,…) in eine Punktezahl halte ich für nicht so zielführend. Die Wertung sollte schon irgendwie im Text herauslesbar sein.

    Waren jetzt nur mal so zwei Gedankengänge. Sehr interessantes Thema, wo es eh kein richtig oder falsch gibt 🙂

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