Nach sechs Wochen Einschränkungen durch die Covid 19 Pandemie voller Empathie und Solidarität für Risikopatienten, merkt man immer mehr, dass sich auch in dieser Thematik die Spaltung der Gesellschaft vollkommen aufzeigt. Analog zu der Lindnerschen Aufkündigung des gemeinsamen Weges, drückt sich immer mehr aus, dass sich viele Bürger in Deutschland in zwei Gruppen aufspalten, die Lockdownfetischisten und den Coronaleugneurn. Zumindest sind das die Gruppen, die am lautesten aufschreien, egal ob auf Twitter oder in Foren von Nachrichtenmagazinen, immer wieder darf man absurdes Lesen, was von Millionen Covid 19 Toten allein in Deutschland bishin zu der großen Weltverschwörung des Bill Gates geht. Beides ist brandgefährlich und gleichsam Schwachsinn. Während letztere Gruppe vorher durch weitere Verschwörungstheorien auffällt, ist erstere ein neues Phänomen, das dennoch Sprengstoff birgt.

In einer Demokratie muss ein Diskurs stattfinden, vor allem in der schwierigen jetzigen Phase. Entscheidungen würden leichter fallen, wäre der Sturm auf die Intensivbetten gekommen. Wer diese fehlende, aber voller Überzeugung vor etwas mehr als einem Monat vorgetragene Prognose, jetzt als Argument sieht, dass man wieder mehr Normalität wagen sollte, wird von der Gruppe der Lockdownromantiker schon scharf angegriffen. Da wird dann das Drostensche Mantra „There is no glory in prevention.“ ausgerufen oder das Lauterbachsche Glückstheorem (Deutschland hatte nur Glück). Beides ist Schwachsinn. Den meisten am Diskurs interessierten ist bewusst, dass Prävention eine höhere Sterberate und eine höhere Auslastung von Intensivbetten verhindert hat. Da aber von Glück zu reden ist fahrlässig, suggeriert dies doch eine fehlende Handhabe beim Bürger (der Breitwillig auf Grundrechte verzichtet hat) und somit auch Zweifel über die Maßnahmen. Wie sich die Situation in Deutschland ohne „Lockdown“ weiterentwickelt hätte, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand seriös beurteilen. „Lockdown“ ist auch der falsche Begriff, da er etwas suggeriert, was so in Deutschland nicht stattgefunden hat, wer nach Italien, Spanien oder Frankreich blickt sieht einen harten „Lockdown“ aufgrund dramatischer Situationen. Diese Länder werden erste Schritte daraus machen, bevor sie in der Situation sind, wenn in Deutschland Lockerungen beschlossen wurden. Drastische wirtschaftliche und soziologische Folgen des Lockdowns sind in diesen Ländern ebenso vorhanden wie in Deutschland, bisher waren die Schäden durch die Krankheit jedoch höher. Dieser Schaden ist so in Deutschland nie entstanden, was die Situation in Deutschland schwieriger macht. Sind Teilgebiete der genannten Länder längst durchseucht, sind in Deutschland selbst bei großzügiger Schätzung nicht einmal 10% der Deutschen mit dem Virus infiziert gewesen. Der Weg aus dem Lockdown ist von einer drohenden Gefahr gekennzeichnet, die Gefahr der 2.Welle. Daher können Lockerungen nur vorsichtig stattfinden, wer aber auf Lockerungen verzichten will, hat ein enges Bild der Pandemie. Die Schäden der Einschränkungen werden größer und größer, die reelle Gefahr des Virus wird kleiner, die potenzielle Gefahr muss realistisch eingeordnet werden. Wenn Menschen, die für einen Weg zurück zur Normalität plädieren, werden als Totengräber verunglimpft. Wir sollten uns bewusst werden, die Gefahr von Virusinfektionen ist von der Gesellschaft als Lebensrisiko akzeptiert, die wahre Gefahr auf die Letalität ist geringer als befürchtet, die Gefahr auf Folgeschäden ist sicherlich ein Faktor, allerdings gehört der zu nahezu allen Virusinfektionen dazu. Nach einer Welle der Empörung wurden die Lockerungen durch eine Maskenpflicht ergänzt, wodurch der Begriff Lockerung ab adsurdum geführt wird, stattdessen werden die Einschränkungen angepasst. Wirtschaftlich gesehen ist das richtig, psychologisch, bildungspolitisch und soziologisch müssen die nächsten Anpassungen in Richtung Schulen und Kontaktverbot gehen. Niemand sagt, dass es einfach wird aus den strengen Maßnahmen rauszukommen, aber bei aller Empathie für Risikopatienten, wir brauchen Empathie und Verständnis für alle. Wer Lockerungen will, will nicht Leute sterben lassen. Wer Lockerungen will, will das Kinder wieder Schaukeln dürfen, dass Menschen ihren Beruf behalten, dass jeder einzelne mehr Freiheiten und Eigenverantwortung bekommt.

Wer im eigenen Garten sitzt und endlich dazu kommt, sich den Garten schön zu machen, hat es leicht den „Lockdown“ zu verteidigen. Wer ein Kind oder Elternteil in der Risikogruppe hat, hat natürlich Recht gegen Lockerungen zu sein. Wer keine finanziellen und sozialen Nachteile durch die Reaktion auf die Covid 19 Pandemie hat, der kann sich auch für mehr Sicherheit einsetzen. Aber wer um seine Existenz fürchtet, wer sich davor fürchtet, dass die Depressionen wieder zunehmen, wer fürchtet sein Kind könnte abgehängt werden, der darf doch genauso darauf hinweisen und ein wenig Empathie verlangen dürfen. Die Folgen der Einschränkungen (ich zum Beispiel merke immer mehr wie mir sozialer Kontakt fehlt) werden größer, die Kommunikation wird rauer, jetzt kommt die Zeit, die wirklich für uns alle schwierig wird, jetzt gilt es verantwortungsvoll zu handeln. Kritik an politischen Entscheidungen darf, nein muss getroffen werden, es muss über den richtigen Weg diskutiert werden, aber es muss auch eine Akzeptanz der anderen Meinung geben.

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6 Kommentare zu „Empathie für alle

  1. Bravo, ein sehr schöner, sehr differenzierter Text!
    Wichtig auch der Hinweis, dass die beiden genannten Extrem-Gruppen die lautesten sind. Das muss ich mir auch immer wieder bewusst machen, wenn ich durch Twitter scrolle.
    Ich stimme in vielem zu. Nicht bei allem, etwa dass Drostens „Mantra“, wie du schreibst, Schwachsinn wäre. Dieses Präventionsparadoxon, dass das ja umreißt, empfinde ich als sehr real. Auch finde ich das aktuelle Bashing, dass ja von einigen Stellen (nicht hier) gegenüber Drosten und Co. befeuert wird, extremste bedenklich. Was dabei übersehen wird: Die Mediziner, Epidemiologen und Co. argumentieren aus ihrer wissenschaftlichen Perspektive. Die haben nicht die Kompetenz, sich über die sozialen Folgen der Maßnahmen zu äußern, sondern sprechen aus ihrer Sicht. Und da kann man eben nur für konsequente Eindämmung plädieren.
    Um noch einen persönlichen Abschluss hier zu finden: In meiner Familie ist man ganz ganz unterschiedlich betroffen. Ein Mitglied ist de facto arbeitslos, was die schwierige Lage, in der es schon vorher steckte, noch kritischer machte. Eines arbeitet im Krankenhaus. Mir wiederum geht es gut: Ich kann die Isolation als langjährige Couch-Potatoe gute ertragen und habe auch beruflich keine Einbußen (eher fast schon das Gegenteil). Ich bin also hin- und hergerissen und gönne mir den Luxus, keine finale Meinung zu haben 🙂

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    1. Nicht der Satz ist Schwachsinn, die inflationäre Nutzung derjenigen, die jegliche Lockerung für Horrorszenarien nutzen, die ist meiner Ansicht nach schwachsinnig. Das Drostenbashing ist arg bedenklich, da es weit weg von fundierter Kritik (zum Beispiel, dass die Sicht zu engstirnig sei oder dass ausgerechnet bei Lockerungen der Kommunikationsstil sich auffällig wandelt) ist, sondern Drosten als böse Figur darstellen will.
      Selbst Epidemiologen, Virologen und Mediziner haben aufgrund ihrer Fachgebiete unterschiedliche Ausrichtungen. Die konsequente Eindämmung ist sicherlich die wünschenswerte Variante und noch ist sie möglich (was angesichts der Befürchtungen im März ein großer Erfolg ist). Die entscheidende Frage ist, welche Maßnahmen sind dafür wirklich notwendig und was sind die Kosten.

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  2. „es muss auch eine Akzeptanz der anderen Meinung geben“
    beißt sich so ein bisschen mit
    „Beides ist Schwachsinn. Den meisten am Diskurs interessierten ist bewusst, dass Prävention eine höhere Sterberate und eine höhere Auslastung von Intensivbetten verhindert hat.“
    findest du nicht?

    Liest sich in meinen Augen so wie ein Statement, dass gerade die eigene Meinung die richtige sei und diese deswegen auch diskutiert werden müsse. Dabei wird diskutiert. In der Bevölkerung, im Bundestag (siehe die letzte Rede von Merkel und die vielen Redner nach ihr, bei denen es genau um Lockerungen oder nicht geht), bei den Virulogen, zwischen Wirtschaftsverbänden, zwischen Regierungen und auch im kleinen auf Foren und Blogs. Und dankenswerterweise auch wieder von Demonstrationen angeleiert, nach dem sich das Bundesverfassungsgericht eingeschaltet hat.
    Es wird darüber diskutiert, was wie viel und warum in welchem Ausmaß gemacht werden muss / soll / darf und es wird darüber diskutiert, ob es das alles wert ist. Es wird über soziale Marktwirtschaft diskutiert, es wird über den Wert des Lebens und die Würde des Menschens diskutiert. Selbst das bedingungslose Grundeinkommen hört man aus so mancher Ecke hervorkriechen. Fehlende Diskussionen sehe ich an dieser Stelle nicht.

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    1. Die Meinung, dass die Extremansichten Schwachsinn sind, nehme ich mir tatsächlich heraus. Fernab gibt es ein breites Meinungssprektrum, in dem ich immer wieder hin und her schwenke.

      Daher soll das auch kein Statement für die eigene Meinung sein, dafür ist sie zu schwankend und uneindeutig. Das ist ein Statement für konstruktive Diskussionen. Da war die letzte Bundestagsdebatte leider kein glorreiches Beispiel. Aktuell ist die Debatte von Forderungen geprägt, wie fordern Wiedereröffnung oder alternativ Staatshilfen. Natürlich gibt es Diskussionen, aber die Polarisierung, die darf nicht weiter zunehmen, dafür ist das viel zu diffizil. Daneben werden auch einige Diskussionen (zB bedingungsloses Grundeinkommen) nur geführt, weil man sie gerne führt und einen Grund sucht sie zu führen. Konstruktive Diskussionen habe ich zu dem Thema leider zu wenig gesehen. Dafür aber zu viele, die meinen sich die Richtigkeit der eigenen Meinung anzumaßen und dann keine Empathie für die Situation anderer zeigen, womit wir wieder bei der Polarisierung wären.

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      1. Was heißt denn für dich konstruktive Diskussion?
        Wenn jemand fordert, dass Laden xy geöffnet werden kann, dann geht das fast automatisch einher mit den Argumenten, die dafür sprechen und jenen, die dagegen sprechen. So habe ich auch die BT-Debatte gesehen (dass die stets auch Wahlkampf betreiben mal außen vor gelassen).

        „Daneben werden auch einige Diskussionen (zB bedingungsloses Grundeinkommen) nur geführt, weil man sie gerne führt und einen Grund sucht sie zu führen.“

        Sehe das vielmehr so, dass u.a. diese Diskussion deswegen genau jetzt geführt wird, weil man sieht, wie schnell man in die Arbeitslosigkeit rutschen kann und wie relevant unter dem Durchschnitt bezahlte Jobs für die Gesellschaft sind.

        Das, was du als Polarisierung bezeichnest, sehe ich als selektive Wahrnehmung an. Kann aber auch meine selektive Wahrnehmung sein, die Beiträge auf Reddit, Youtube & Co. nicht sonderlich aussagekräftig bewertet. So manches Subredit ist auch nicht dazu da, zu diskutieren, sondern sich in seiner Meinung bestätigt zu finden. Und für jede Meinung gibt es wahrscheinlich ein Subreddit. Genauso kannst du auf pr0gramm gehen und in die rechte Filterbubble einsteigen. Polarisation dank polarisierter Brille, sozusagen.
        Wie gesagt, ich sehe Diskussionen – selbst darüber, ob diskutiert wird, wird diskutiert (wie man hier sieht oder in den Talkshows die letzten Tage wenn es um Merkels Unwort des Jahres ging).

        Würde da auch nicht pauschal mit Empathilosigkeit argumentieren wollen, wenn jemand eine andere Meinung hat. Man mag sich nicht richtig in Eltern mit Kinder reinversetzen können, wenn man nicht zu dieser Gruppe gehört und man mag eine andere Einschätzung des Lage haben, wenn man 87 Jahre alt und allein in einer kleinen Bude ohne Garten hockt. Allerdings sehe ich all diese Interessen in den tagtäglichen Diskussionen untergebracht.

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        1. Die BT Debatte war doch eher ein groses Gepolter. Argumentiert wurde da eher wenig, das Format ist aber auch eher darauf ausgelegt, Meinung zu präsentieren.

          Natürlich flüchten sich Menschen dahin, wo ihre Wahrnehmung geteilt wird. Das macht es ja so schwierig. Ich sehe Diskussionen, ich sehe aber auch ein problematisches Niveau und die Polarisierung.
          Empathielosigkeit ist aber oft zu finden und dabei bleibe ich auch. Eben weil gerade die rechthaberischen nur ihre Meinung wahrnehmen wollen. Jeder hat eine andere Sicht, das ist vollkommen legitim, aber die Bereitschaft den Blick zu erweitern sollte da sein.

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