In den letzten Wochen hat mich die YouTube Suche nach Nora Tschirner auf Schnelldurchläufe der Viva Top 100 und der MTV Hitlist Germany (welche von 2001-2003 unter anderem von Tschirner moderiert wurde) geführt, wodurch ich mich durch die 2000er Hitmusik gewälzt habe. In den früheren 2000ern konnte sich auch ein temporäres Musikphänomen gelegentlich in den obersten Plätzen platzieren: Vocal Trance. Eine gute Gelegenheit also, nochmal zu erklären, was Vocal Trance war.

Zunächst einmal waren die kommerziell erfolgreichsten Formationen Sylver und Lasgo beide belgischstämmig, wodurch Vocal Trance in gewisser Weise als belgisches Phänomen interpretiert werden darf (auch wenn die Niederlande mindestens genauso bedeutend in der Trancemusik ist). Trance kann als Gegenstück zur Technomusik im Rahmen der EDM gesehen werden. Wird Techno durch gepitschte Stimmen und Sägezahnsynthesizern geprägt, orientiert sich Trance eher an klassischen Harmonien und an Ambientmusik, wodurch die obligatorischen Synthesizer und Sequencer beruhigende und atmosphärische Klangteppiche (oftmals im Arpeggio gespielt) als Melodiegerüst präsentieren. Passend zur elektronischen Tanzmusik knallt aber eine Drum Machine hinein, um das ganze tanzbarer zu machen. Um dem typischen Trancesound zu kreieren wird noch mit Software und Filtern gearbeitet (ähnlich wie beim French House). Dieser musikalische Ansatz sollte dank DJs wie Armin van Buuren, Tiesto und Paul Oakenfold die elektronische Tanzmusik der 2000er dominieren. In die Mainstreamcharts kam jedoch bis auf Robert Miles „Children“ nur die an die Popstrukturen angepasste Subgattung des Vocal Trance auf vorderste Plätze.

Neben Sylver (Platz 2 in Deutschland mit „Turn The Tide“) waren Lasgo die Pioniere dieser Subgattung. Den typischen Trancesounds wird eine neue Strukturkomponente hinzugefügt, das klassische Strophe Refrain Schema. Dazu passend gibt es eine meist gewöhnlich klingende weibliche Stimme, die die Texte einsingt. Lasgo-Sängerin Evi Goffin aus Antwerpen hat zum Beispiel gesanglich extreme Ähnlichkeit mit 80er-NewWave Ikone Kim Wilde. Goffin war Songwriter Peter Luts und Keyboarder und Produzent David Vervoort davor schon als Gastsängerin kleinerer Danceprojekte bekannt. Der Bandname Lasgo leitet sich von der schottischen Stadt  Glasgow ab, das als Inspiration gewählt wurde, da Vervoort großer Schottland-Fan ist. Die erste Single „Something“, welcher die Tranceklänge mit den gewöhnlichen Hörgewohnheiten vereint erhielt in Belgien und Deutschland die Goldene Schallplatte und sollte den größten Hit der Formation darstellen.

Der Folgesong „Alone“ konnte international zwar noch in einigen Ländern den Erfolg von „Something“ erreichen, außerhalb von Flandern gab es seitdem allerdings keine Hits mehr, auch nicht nachdem Vervoort und Goffin Lasgo verließen. „Something“ stellt sich bei genaueren Hören auch als optimale Mischung aus Ambientklängen, Gesangsstimme und treibenden Beats heraus. Während der Trance die 2000er in den Discotheken dominieren sollte, sollten die Charts, wie sie zum Beispiel in der Hitlist Germany präsentiert werden, von Stilen, die sich noch näher am Pop orientierten bevölkert werden. Überhaupt fand die Tanzmusik in den Folgejahren kaum in den vorderen Plätzen der Charts statt.

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