Ende 2000 als Daft Punk die Vorabsingle ihres zweiten Albums veröffentlichten war die Welt begeistert. Musikjournalisten feiern den Sound von „One More Time“, die Plattenkäufer kaufen ungewöhnlich oft den Song, die DJs der Welt spielen den Song sensationell oft. Einzig Hardcorefans des ersten Albums sind verwirrt, einige sogar verärgert: Daft Punk haben sich mit dem kommerziellen Sound verraten. Thomas Bangalter, einer der beiden Masterminds hinter dem französischem Elektroprojekt, kümmert sich jedoch nicht darum. Einer der Vorwürfe, nach dem Erfolg von Bangaltars Nebenprojekt Stardust, wurde von der Plattenfirma ein solcher Sound verlangt. Dabei entpuppt sich „One More Time“ bei näherer Betrachtung als ganz und gar nicht kommerzieller Song.

Was jedoch wahr ist, „One More Time“ entstand zur selben Zeit wie Stardusts „Music Sounds Better With You“, schon im Jahr 1998. Ähnlichkeiten im Sound sind also alles andere als zufällig. Beide Songs haben neben Mojos „Lady (Hear Me Tonight)“ das Subgenre French House geprägt, beide nutzen eine pulsierende Bassline, eine komprimierte Bassdrum, beide unterscheiden sich zur Popmusik vor allem durch das fehlende Strophen-Refrain Schema. Am wichtigsten jedoch, beide nutzen den Effekt von Auto-Tune. Heute ist jeder drittklassige Raptrack von Autotune durchtränkt, Ende der Neunziger wurde das Höhenkorrekturprogramm ausschließlich zur Verbesserung der Gesangsqualität eingesetzt. Neben Bangaltar nutzte nur Cher den Effekt anders, weswegen nach dem Riesenerfolg von „Believe“ das ganze auch als Cher-Effekt bekannt wurde. Streng genommen hat Thomas Bangalter damit angefangen, Gastsänger Romanthony, dessen Stimme auf „One More Time“ zu hören ist, war davon begeistert. Die Stimmvarianz in „One More Time“ ist Auto Tune sei Dank ungewöhnlich hoch, obwohl die Lyrics sich immer nur wiederholen. Der alles entscheidende Punkt, der auch „One More Time“ vom Schwestersong unterscheidet liegt im restlichen Instrumentarium. So stechen gesampelte Trompeten aus dem üblichen Klangspektrum heraus, eine Reminiszenz an die Discomusik der Siebziger und eine Vorwegnahme vom Klang des vierten Daft Punk Albums. Bangalter bestreitet im Fall von „One More Time“ das Nutzen von Fremdsamples bei Trompeten und Bassline. Der Song war fertig und eigentlich kein besonders mainstreamiger Song. Disco war spätestens seit Mitte der Achtziger Out, der Aufbau mit dem sich immer wiederholenden Refrain, der überlangen und früh einsetzenden Bridge und den fehlenden Strophen auch weit vom akzeptierten Dancesound entfernt. Was „One More Time“ letztendlich zum universellen Superhit werden ließ, war die Abmischung. Sind Dancesongs üblicherweise mit wenig Mittelfrequenzen abgemischt und dafür mit besonders drückendem Bass ausgestattet, zeigt sich bei „One More Time“ eine satte, ausgewogene Abmischung, die auf hohe Synthesizerlinien verzichtet. Der Bass tritt erst bei hoher Lautstärke zu Tage, dominiert jedoch nicht den Sound in der Disco, sondern lässt den Song wie eine Neuinterpretation des 70er-Discosounds wirken. Im Radio kann dadurch der Song auch ohne Probleme gespielt werden, weswegen der Airplayeinsatz extrem hoch war und zum Teil immer noch ist.

Wie wegweisend der Sound von Daft Punk war, zeigte sich in der Folge. Auto-Tune wurde zum so häufigen Stilmittel, dass die Mehrheit dem ganzen schnell überdrüssig wurde. Blasinstrumente in der Housemusik wurden viel häufiger eingesetzt und die Abmischungstechnik von „One More Time“ hat seit zwei Jahrzehnten Musik beeinflusst, die sowohl Radio als auch Dancefloor bedienen will. Einen wesentlichen Faktor zum Erfolg der Single trug auch das animierte Video bei, welches 2003 zum Beginn des Films „Interstella 5555“ wurde, welches als Ton einzig und allein das Daft Punk Album „Discovery“ verwendet. Der Sound des Albums sollte jedoch deutlich von seiner Vorabsingle abweichen. Inzwischen hat „Get Lucky“ „One More Time“ als erfolgreichsten Song des französischen Duos abgelöst, der beste und wichtigste Song wird jedoch immer „One More Time“ bleiben.

3 Kommentare zu „Schräg, aber gut (77) – Daft Punk „One More Time“

  1. Boah, damals natürlich hoch und runter gehört. Auch weil Autotune noch neu und innovativ war, war der Song (und einige andere von Daft Punk) schon ziemlich gut. Heutzutage kann man diese unüberschaubare Masse an 0815-Autotune-Songs allerdings nicht mehr ertragen…

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  2. Sidechain-Kompression wurde auch bei One More Time prominent eingesetzt und ist deutlich hörbar – ich kann mich noch dran erinnern, wie das Pumpen des Kick Drums micht damals – ich war 11 – fasziniert hat. Obwohl bereits Platen von Roulé und Crydeamour Sidechain hatten, war der Erfolg von One More Time zentral dafür, dass später Electro House- / EDM-Nummer wie David Guetta usw. Sidechain-Kompression als Kerngestaltungsmittel verwenden konnten. Das ist heute so Standard in Pop wie Autotune in Trap.

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