Mit dezenter Verspätung (einige der Filme, habe ich schon vor knapp einem Monat gesehen) gibt es endlich Mal wieder eine Klassikerparade mit fünf Filmen, die unterschiedlicher kaum sein können:

Der Schwarze Falke (The Searchers)

6/10 John Fords Westernklassiker gilt bei einigen als bester Western aller Zeiten und ist laut AFI einer der zehn besten amerikanischen Filme aller Zeiten. Bei aller Liebe, das kann ich nicht teilen, handwerklich ist der Film hervorragend und geht auch mit eher langsamen Erzähltempo heute noch gut hinein und man sieht auch seinen Einfluss auf das Kino, aber ein Film mit dieser Indianerdarstellung und einer Verklärung der Weißen Einwanderer konnte ich kaum genießen. So verkommt die Geschichte zur Erzählung des klischeebehafteten Mythos des bösen Indianers.

Das Letzte Einhorn (The Last Unicorn)

8/10 Dieser Zeichentrickklassiker ist mir bisher immer durchgegangen und ich muss zugeben, ich dachte, dass wäre ein japanischer Film, was von der Zeichensprache vielleicht noch Sinn ergibt, aber bei Sichtung dieses schönen, aber auch simplen Films doch ersichtlich wird, dass dem nicht so ist. Schon wenn zum ersten Mal das legendäre „Last Unicorn“ angestimmt wird, weiß man, dass man sich dem Kitsch in diesem Film stellen muss, aber er nimmt einen dann auch ein, obwohl durch Zauberer Schmendrick auch eine Prise Humor den Film bereichert. Dazu kommt dann, dass der Antagonist des Films spät eingeführt wird (sowohl im Englischen als auch im Deutschen von Christopher Lee gesprochen) und wenn dann der Rote Bulle losgelassen wird, wird es auch nochmal hochdramtisch. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es eine Menge Menschen gibt, die dieses Machwerk wirklich mies finden, aber wenn man die Konvention und den den Kitsch akzeptiert, mag man diesen Klassiker wirklich.

Jules & Jim

7/10 Francois Truffaut gilt als einer der wichtigsten europäischen Regisseure, in Jules & Jim inszeniert der Franzose eine Dreiecksbeziehung am Rande des ersten Weltkriegs. das ist typisches Kino für Arthousefans und auch wenn ich hin und her gerissen war zwischen irgendwie passiert zu wenig und irgendwie geht mir das Storytelling zu schnell, mochte ich diesen Vertreter der Nouvelle Vague. Inszenatorisch hat Truffaut schon mehr gezeigt, sowohl in „Fahrenheit 451“ als auch im großartigen „Sie küssten und sie schlugen ihn“. Gerade der Bruch mit damals noch gängigen Moralkonventionen wertet den Film dann doch nochmal auf, wenn der Evangelische Filmbeobachter schreibt: „Ehe, Liebe und Verantwortung (…) sind in diesem Werk so pervertiert, daß man (…) nur ein klares Nein zu ihm sagen kann.“ ist das schon einmal ein sehenswerter Film, der elegant Moralvorstellungen in Frage stellt und den Zuschauer die Beurteilung dessen überlässt.

The Insider

9/10 Der beste Film in dieser Klassikerparade und bisher der beste Film, den ich von Michael Mann gesehen habe (gut, ich habe sonst nur „Heat“ gesehen). Aber dieses ruhige Thrillerdrama ist ein exzellenter Film über gut geführten Enthüllungsjournalismus und die Tabakbranche, beruht „The Insider“ doch auf einen wahren Fall, der zur Drehzeit noch verhandelt wurde. Michael Mann schafft es über mehr als zweieinhalb Stunden eine subtile immer spürbare Spannung aufzubauen, einen allzu menschlichen Protagonisten, dessen Ehe am Abgrund steht und der massiven Drohungen ausgestezt ist, zu etablieren, welcher hervorragend verkörpert wird von Russell Crowe. Daneben darf Al Pacino als Enthüllungsjournalist wieder eine typische Al Pacino-Rolle spielen und auch hier passt das Schauspiel grandios in den Film. Dazu schaffen Kamera, Schnitt und Musik diesen Film perfekt aussehen zu lassen, hochklasisg filmisch, aber dennoch passend zur Geschichte.

Total Recall

7/10 Die Vision in „Total Recall“ ist hochinteressant, wie mit der Prämisse gespielt wird ist auch gut, aber ein bisschen weniger 80er OneLiner und ein bisschen weniger Arnie-Vehikel hätten den Film meiner Ansicht nach gut getan. Ohne Frage, Regisseur Paul Verhoeven inszeniert hier einen Film, den man gerne zurecht als Meilenstein im actionlastigen Sci-Fi-Kino sehen kann, aber in meiner Wahrnehmung nutzt dieser Film sein Potenzial nicht annähernd in Gänze aus. Dafür gibt es sauber inszenierte Action, einige interessante Wendepunkte in der Story und bei den Charakteren und einen unterhaltsamen Film.

The Straight Story

7/10 David Lynch, oft als Meister des surrealen Kinos gehandelt, kann auch normale Filme drehen. Die auf einer wahren Geschichte beruhende Prämisse, dass ein älterer Herr seinen Bruder nach Jahren besucht, indem er auf seinem Rasenmäher einen Roadtrip macht ist etwas ungewöhnlich, aber weit vom Lynchesken Wahnsinn entfernt. Auch wenn sich dieser für Disney produzierte Film ein wenig zieht, weil manche Station des Trips ausgespielt wird, lohnt sich ein Blick auf diesen Film, nicht nur Dank Hauptdarsteller Richard Farnsworth und dem Kurzauftritt von Harry Dean Stanton, sondern auch weil Lynch hiermit ein wohliger, warmherziger und dennoch leicht kauziger Film gelingt.

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8 Kommentare zu „Klassikerparade (12) – Der Schwarze Falke, Das Letzte Einhorn, Total Recall, The Insider, Jules & Jim, The Straight Story

  1. „The Insider“ ist bis heute einer meiner Lieblingsfilme, Russell Crowe hätte dafür den Oscar gewinnen müssen, bzw. weil er ihn nicht gewonnen hat, hat er ihn ein Jahr später gewonnen. „The Straight Story“ fand ich damals klasse.

    Ich finde, man muss Filme immer für die Zeit sehen, in der sie entstanden sind bzw. man sollte einen (Film-)geschichtlichen Zusammenhang heranziehen. Natürlich wirken viele Sichtweisen und gerade Rassismus oder Sexismus in alten Filmen im Heute völlig verstörend und veraltet, keiner würde so etwas heute noch drehen (können). Als Filmklassiker ist „Gone with the Wind“ auch so ein Beispiel. Er war sicher damals schon rassistisch, aber aus heutiger Sicht untragbar. Ein Film voller Klischees, der die Sklaverei verharmlost.

    Wichtig ist, was heute für Filme produziert werden, daher waren diese Wohlfühl-Filme wie „Green Book“, „The Help“ und wie sie alle heißen auch so unerträglich, bedienen sämtliche Stereotypen. Haben wir tausendfach in der Vergangenheit schon gesehen. Filme sollten innovativ sein und/oder im besten Fall die Gesellschaft im Jetzt abbilden, sich mit den Problemen beschäftigen, die wir gerade haben und das wird in 30 oder 40 Jahren vielleicht auch ganz anders aufgenommen werden.

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    1. Ich hatte zwischenzeitlich auch „Gone with The Wind“ als Gegenbeispiel zu „The Searchers“ im Text drinnen, da mir beim ersteren die rassistischen Anklänge weit weniger negativ aufgefallen sind. Da hatte ich das Gefühl, der Film lässt sich auch kritisch sehen, bei „The Searchers“ hatte ich das nicht. Der hatte nicht einmal eine wirklich sprechende Indianerfigur. Vielleicht auch, weil Rassismus gegen Schwarze aktueller ist als jener gegen Indianer. Dass man da in den 1950ern solche Filme gedreht hat und da ist der ja nicht allein mit ist meiner persönlichen Meinung nach genauso verwerflich als würde man heute „Gone with The Wind“ wie im Jahr 1939 drehen.
      Ich würde mir wünschen, wenn man schon alles mögliche remakt, dann bitte solche Filme in einer zeitgemäßen, kritischen Aufmachung.

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      1. Es kann ja sein, dass es Dir bei „Gone with the Wind“ nicht so negativ aufgefallen ist, der Film ist aber rückblickend genauso problematisch. Es ist noch nicht allzu lange her, da hatten viele Frauenfiguren keine Sprechrollen bzw. haben sich wenn sie sprachen, nur über Männer unterhalten. Die Zeiten ändern sich, aus heutiger Sicht müssten man so viele Filme in der Luft zerreissen, aber wie gesagt, man muss auch sehen, in welcher Zeit und Gesellschaft sie entstanden sind. Heutzutage ist beispielsweise der Begriff „Indianer“ auch nicht mehr politisch korrekt. Sagt man doch eher amerikanische Ureinwohner, indigene Völker, Native Americans, usw.

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        1. Mein ganz persönlicher und sicher auch angreifbarer Punkt ist ja, dass ich bei „The Searchers“ gedacht habe, die Darstellung der Native Americans muss doch eigentlich schon 1956 für Kopfschütteln gesorgt haben, während ich bei „Gone with the Wind“ dachte. für 1939 ist der bis auf die Rassismusthematik, auf die er ja inzwischen von vielen reduziert wird, progressiv. Aus heutiger Sicht zerreißen ja einige solche Filme, sagen aber nicht, dass das auch individuelle Gründe, die eher mit der Person, die rezensiert zu tun hat, als mit dem Film oder dass sie bei Filmen die Rassismus gegenüber PoC zeigen kritischer sind als bei der Darstellung von Natives oder Homosexuellen oder Frauenrollen.
          Gerade bei Frauenrollen bin ich bei manchen Filmen immer noch verärgert, wie wenig daraus gemacht wird und gerade bin ich über mich selbst ein wenig verärgert nicht von Anfang an von Native Americans zu sprechen.
          Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin vollkommen bei dir, wenn es darum geht Filme aus früheren Zeiten auch als Gegenstand zu sehen unter welchen Umständen sie zustande gekommen sind. Da ärgere ich mich über viele aktuelle Filme, die politisch lesbar sind deutlich mehr.

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  2. The last unicorn lalalala… Danke für diesen wunderschönen Ohrwurm 😭 Mein Gott was hatte ich als Kind Angst vor diesem Zeichenstil und dem roten Bullen. Als kitschig hatte ich den gar nicht in Erinnerung, da muss ich wohl nochmal reinsehen

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