Inhalt

Der aus Guinea-Bissau stammende Francis (Welket Bungue) überlebt als einziger das Kentern eines Schiffes und schwört Gott „Ich will gut sein“. In der deutschen Hauptstadt angekommen hält Francis diesen Vorsatz nicht ein, sondern lässt sich vom zwielichtigen Möchtegerngangster Reinhold (Albrecht Schuch) für seine Geschäfte einspannen.

Kritik

„Berlin Alexanderplatz“ ist eine in die Gegenwart verlegte freie Adaption des gleichnamigen Romans von Alfred Döblin. So werden einige Sujets aus dramaturgischen Gründen entfernt, kein Wunder wenn man bedenkt, dass Rainer Maria Fassbinder aus dem Werk eine vierzehnstündige Fernsehserie kreiert hat. So beginnt die Handlung in Berlin fast schon mit dem aufeinandertreffen von Francis und Reinhold, welches im Roman erst im fünften von neun „Büchern“ erfolgt. So kann man diese Verfilmung vor allem als Verfilmung der Bubikopfgeschichte erfassen, wird der Film auch in fünf Teile gliedern, die zumindest meiner Recherche nach einigermaßen deckungsgleich mit dem Haupterzählstrang  der Bücher Fünf bis Neun ist. Während bei der Struktur gekürzt worden ist, „Berlin Alexanderplatz“ ist dennoch 183 Minuten lang, setzt der Film die im Roman genutzte Sprache nicht nur durch das „Ich will gut sein“-Mantra sein, sondern nutzt mehrfach direkte Zitate aus Döblins Werk. Nicht nur deshalb werden Kenner des Romans diesen Film sicher anders sehen als jene, die, wie ich, Döblins Werk nicht gelesen haben.

So lässt der Film zunächst offen, ob Francis für das eigene überleben seine Freundin geopfert hat, nur um es mitten im Film doch zu beantworten und eine Antwort zu geben, die sich eindeutig an der Literaturvorlage orientiert. Auch wenn die Macher betonen es handele sich hier um eine freie Adaption, muss man festhalten, bis auf die Verlagerung in die Neuzeit und den Flüchtlingsbackground für Francis hält der Film sich in vielen Punkten penibel an die Geschichte Döblins. Im modernen dramaturgischen Konstrukt hat das bei mir für einige Irritationen gesorgt, sei es, weil bestimmte Details heute anders erzählt werden würden oder weil man die allwissende Erzählerin nicht erst in der Mitte des Films ein Gesicht gibt, wenn sie denn selbst Teil der Handlung ist. Kurzum, an einigen Punkten knarzt es gewaltig, weil Burhan Qurbani und Martin Behnke sich in ihrer entschlackten Geschichte immer noch nah an der Romanvorlage orientieren.

Der Film hat jedoch ein ganz anderes, fast schon paradoxes Problem: Die Darstellung Reinholds vom begnadeten Albrecht Schuch. Natürlich ist der hypersexuelle, manische, hochintelligente Oppurtunist eine dankbare Rolle, aber wie Albrecht Schuch hieraus einen Gangster macht, den man mit einer faszinierten Freude zusieht, ist famos. Im Grunde könnte man den Film auch als Erzählung über Reinhold sehen, es wäre der bessere Film, wie aus einem, der wie ein armes Würstchen wirkt und mehr markiert, ein hochkrimineller Gangster, der den Teufel in Person darstellt, wird, zieht einen wirklich in seinem Bann. Mehrmals saß ich auf meinem Kinositz und dachte, mir wäre lieber hier die Gangstergeschichte aus der ersten Perspektive zu sehen. Besonders deutlich wird das, wenn die Reinhold, der über die Dauer des Filmes die zweite Hauptrolle darstellt, zu Beginn des dritten Akts für zwanzig Minuten nicht zu sehen ist. Es ist die einzige Phase des Films, die sich zieht, obwohl die für die Charakterentwicklung von Francis wichtige Beziehung zu Mieze etabliert wird.

Die Überpräsenz Reinholds lässt den Zuschauer weniger Mitleid für das Schicksal von Francis empfinden, der drei Mal hinfallen und wieder aufstehen wird, wie Mieze es aus dem Off zu Beginn ankündigt. Zu Beginn des dritten Akts beispielsweise ist Francis in einer Situation, in der man Mitleid für ihn empfinden sollte, aber denkt, Junge, das bist du selbst Schuld. Immer wieder hat Francis Chancen an sein Mantra heranzurücken, doch immer wieder schlägt sein innerer Dämon zu und der Zuschauer versteht seine Handlungen nicht, auch nicht, wenn sich die Erzählerin immer wieder auf seine Seite schlägt. Vielleicht liegt das daran, dass Welket Bungue in einer ihm fremden Sprache nicht dieselbe Präsenz, dasselbe Charisma wie Schuch entwickeln kann, auch wenn seine Leistung über jeden Zweifel erhaben ist, vielleicht liegt es daran, dass zu sehr gewollt wird, auf Francis Seite zu stehen.

Jedoch ist „Berlin Alexanderplatz“ bei weitem kein gescheiterter Film, dieses ambitionierte Filmprojekt ist bei weitem nicht fehlerfrei, jedoch ist es endlich Mal wieder ein mutiger Film, auch wenn die ganz großen Emotionen mir nicht spürbar wurden. Beeindruckend an dieser Umsetzung ist, dass man eigentlich nur das Milieu sieht, man sieht ein Flüchtlingsheim und die Umkreise des kriminellen Milieus, keinerlei Normalität, keine normalen Menschen, es wird aufgezeigt, wie Flüchtlinge oder „New Arrivals“ (wie Francis in einer Szene sagt) keinen Platz in der Gesellschaft finden und in die kriminelle Parallelgesellschaft abrutschen. Dies wird jedoch ohne erhobenen Zeigefinger inszeniert, eine subtile Anklage an die Gesellschaft. Daneben wird auch aufgezeigt wie die jungen Männer in eine neue Sklaverei hineingezogen werden, spätestens mit der Kostümparty, bei der sich Reinhold als Kolonialherr kleidet und seine Kuriere und Helfer als Soldaten oder gar als Affen gekleidet werden, zeigt sich Reinholds menschenverachtende Ader auch plakativ. Die Beziehung zwischen Franz (wie Reinhold Francis im Laufe des Films tauft) und Reinhold ist von einer Dysfunktionalität geprägt, die Gegenstand einer Analyse sein können. Aus falsch verstandener Loyalität rennt Francis immer wieder zurück zu Reinhold, der das böse in ihm herauslockt, ihm immer wieder ins Elend stürzt und lange Zeit keine Befreiung von ihm findet. Hieran zeigt sich, dass „Berlin Alexanderplatz“ auf einer analytischen Ebene deutlich besser wirkt als auf der emotionalen Ebene.

Bei aller angebrachten Kritik muss zum Abschluss aber auch ein Punkt hervorgehoben werden, die Kraft der Inszenierung. Sicher Qurbani erfindet hiermit nicht das Rad neu, aber wie selbstverständlich die Kraft der (Neon)farben wie bei Refn genommen wird, die Winkelung der Bilder wie bei Danny Boyle zu sehen als Stilmittel eingesetzt wird oder sich bei der Inszenierung des Gangsterlebens bei Martin Scorsese bedient wird ohne, dass das ganze plump oder aufgesetzt wird, verdient höchste Anerkennung. Dazu gesellt sich ein eigenwilliger, aber nicht erdrückender Score, ein wohldosierter Schnitt (wodurch das Pacing oft genau richtig wirkt), der die aus dem Roman übernommenen und eingeschobenen Symboliken (Stichwort: Bulle) weniger störend wirken lässt und eine Stilsicherheit, die für ein solches Mammutprojekt ordentlich Selbstvertrauen braucht.

Fazit

Albrecht Schuch überragt in dieser in die Moderne übertragene Literaturverfilmung, die ordentlich Mut und Stilsicherheit besitzt, eine Menge an Analyse- und Interpretationsmöglichkeiten lässt, jedoch emotional unterkühlt bleibt. 6/10

Daten & Fakten

Regie: Burhan Qurbani

Drehbuch: Burhan Qurbani, Martin Behnke

Produktionsland: Deutschland, Niederlande

Darsteller: Welket Bungue, Albrecht Schuch, Jella Haase, Annabelle Mandeng, Nils Verkoojen, Joachim Krol ua

Genre: Drama, Epos, Literaturverfilmung

Länge: 183 Minuten

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