Ist Pop politisch? Diese immer wieder aufgeworfene Frage, wenn sich Stars Mal wieder fragwürdig äußern oder schweigen, ist ganz einfach zu beantworten. JA! Beweis gefällig? Wie wäre es mit „London Calling“ von The Clash. The Clash waren im Fahrwasser der Sex Pistols 1976 gegründet worden und schnell als Vorgruppe der Punkpioniere bekannt geworden. Während die Pistols in ihrem eigenen Saft mäderten, waren The Clash eine musikalisch ambitioniertere Band. Spätestens 1979 setzten sich The Clash mit dem Album „London Calling“ an die Spitze der Punkbewegung zu einem Zeitpunkt als ihr revolutionäres Wirken in der Popmusik abgenutzt schien.

Während die USA und Kontinentaleuropa in der Discobewegung fest steckten, löste Punk als Musik der Jugend eine Revolution aus. Bands wie Queen oder Pink Floyd waren Out, zu intellektuell (dass diese Bands zum Gegenschlag ausholen konnten und ihren Platz in der Popgeschichte manifestieren konnten war 1977 nicht abzusehen). Punk war mehr als ein Subgenre der Rockmusik, Punk war ein Lebensgefühl, eine Jugendkultur der Ablehnung. Punks provozierten mit ihrem Aussehen und mit ihrem Verhalten, dass im starken Kontrast zu den konservativen Verhältnissen in GB mit dem Klassensystem stand. Hinzu kamen die düsteren Aussichten für die Generation Punk, Großbritannien war in einer handfesten Wirtschaftskrise und dennoch waren die älteren Generationen vom Kapitalismus und von Konformität überzeugt. Punk war eine jugendliche Gegenbewegung, links, antikapitalistisch, freiheitliches Denken, voller Mut zum Dilettantismus (der auch die Punkmusik prägte). Kurzum das genaue Gegenteil von dem Großbritannien, welches von Margaret Thatcher vertreten wird. Vielleicht auch deswegen kam mit ihrer Wahl, die ziemlich günstig zur Veröffentlichung von „London Calling“ stand, neuen Wind in die Punkwelle, die auseinanderzubröseln drohte. Bands wie New Order, The Cure und in den USA die Talking Heads waren Geburten des Punks, sollten jedoch mit New Wave die Achtziger prägen, dem Punk wurde sein politisches Elixier entzogen. The Clash waren nahezu allein mit ihrem politischem Punk, zumindest wenn es um Musik für die Massen geht. Auf „London Calling“ gehen The Clash neue Wege, Elemente des Reggae, der konventionellen Popmusik, des Rockabilly, des Rhythm & Blues sogar des Jazz hielten Einzug in das später als Magnum Opus der Band bezeichnete Doppelalbum. Die erste Single „London Calling“ gilt bis heute als einer der besten Songs aller Zeiten.

Mit der Leadzeile begehen The Clash kulturelle Aneignung, so begannen Sendungen des BBC World Service mit „This is London Calling“ auch in Kriegszeiten und der Text von „London Calling“ entwirft ein düsteres Szenario, dass aus dem Weltbild der Punker in einem gebeutelten Großbritannien (IRA-Ausschreitunge, das Ende des Nachkriegskonsens, der Falklandkrieg, kulturelle und rassistische Konflikte) nicht nur realistisch, sondern wie eine Prophezeihung wirkte. „London Calling“ handelt von einem Endzeitszenario mit Krieg, Hungersnot, einem Nuklearunfall, Flut und Klimakollaps, kurzum die Hölle schlechthin. Der Refrain ironisiert dabei die nüchterne Berichterstattung des BBC, wodurch die Art und Weise wie der Titel gesungen wird, besonders herausfällt. „London Calling“ fällt textlich aus dem Strophe Refrain Schema heraus, um den Fokus auf die Lyrics zu liegen. Dem ordnet sich auch die Musik unter, auch wenn Sänger Joe Strummer und Gitarrist Mick Jones, dies auf sehr clevere Art machen, denn musikalisch ist „London Calling“ besonders ausgefeilt. Zum einen fallen die staccatoartigen geschlagenen Gitarrenriffe, die lautmalerisch eine Schlacht darstellen auf, zum anderen fällt auch das absteigende Bassmotiv sofort im Ohr auf und schlussendlich verzichtet „London Calling“ auf den Backbeat in der Snaredrum, wodurch der Song ungewohnt klingt, da dies eher ein Stilmittel in Motown war. So klingt „London Calling“ orientiert am Hard Rock und doch näher an klassischer Rockmusik als alles was The Clash davor gemacht haben.

Der Song sollte die zweiterfolgreichste Single der Band werden, die düstere Prognose nicht eintreten, auch wenn sich Großbritannien auch in den Achtzigern unter Margaret Thatcher in einer tiefen Spaltung befunden hatte und heute gilt „London Calling“ als Signature Song für die Stadt London, ungeachtet des ausgestrahlten Düsternis des Songs. Die politische Ebene des Songs ist dennoch unbestritten, ist der Song bis heute ein Symbolsong linker Bewegungen.

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