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Pennsylvania: Die siebzehnjährige Autumn (Sidney Flanigan) wird ungewollt Schwanger. In ihrer Heimat kann man jedoch nur mit Zustimmung der Eltern abtreiben, weswegen sie sich mit ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) auf den Weg nach New York macht, um dort die Abtreibung vornehmen zu lassen.

Gedanken zum Film

Das Thema „Abtreibung“ ist in der Kinowelt wahrlich kein alltägliches, obwohl sich immer noch rege Diskussionen hervortun. Eliza Hittmans neuer Film widmet sich diesem Thema, welches oftmals in der medialen Debatte emotionalisiert wird, mit einem erstaunlich nüchternen Blick. Dieser entsteht durch eine wortkarge, fast schon autark wirkende Protagonistin, welche hervorragend von Debütantin Sidney Flanigan verkörpert wird. Ihre Autumn ist ein schwer zu durchblickender Charakter, kaum greifbar, Emotionen zeigt sie selten, weswegen so mancher Zuschauer sich wahrscheinlich nicht mit ihr identifizieren wird.

Dies ist jedoch nicht das Problem dieses mit einigen sensationellen Szenen ausgestatteten Arthousedramas. Dieses liegt in seiner Struktur, denn „Niemals Selten Manchmal Immer“ fokussiert sich, abgesehen von seinem Einstieg, auf die dreitätige Reise nach New York, wo Autumn die Abtreibung vornehmen lässt. Dadurch fehlt ein wenig der Überblick über die Gesamtsituation, denn da wo der Film endet, endet nicht die Geschichte, sondern fängt im Grunde erst an. Stattdessen ist dieser Film ein Porträt des schweren Augenblicks der Abtreibungsreise, wodurch der Film besonders in der zweiten Hälfte die ein oder andere Länge hat.

Warum „Niemals Selten Manchmal Immer“ dennoch ein guter Film ist? Zum einen, weil er wie eingangs erwähnt ein Thema bespielt, dass gesellschaftlich relevant ist, dabei aber einen ruhigen, nüchternen Blick wagt anstatt sich der Emotionalität der Debatte hinzugeben. Dennoch schafft es Eliza Hittmans Streifen in den besten Momenten ein hochergreifender Streifen. Die Sequenz bei der Ärztin in Pennsylvania würde als erschreckender Kurzfilm durchgehen. Die Sequenz, in der sich Autumn in den Bauch boxt hat mich viel mehr an meine Grenzen getrieben als es jeder Horrorfilm bisher geschafft hat. Der Zuschauer empfindet nicht zu jeder Zeit mit Autumn, dennoch ist dieser Film ein klares Plädoyer für das Recht auf Abtreibung. Glücklicherweise wird dem Zuschauer die Abtreibung nicht gezeigt, stattdessen erlebt man es wie Autumn es erlebt hat. Daneben fällt auf, dass in dieser Geschichte kein Platz für eine positiv konnotierte männliche Figur bleibt, diejenigen die Autumn und ihre Geschichte in dieser kleinen Geschichte begegnen, sind mindestens unangenehm (wie der aufdringliche junge Mann, den sie im Bus kennenlernen) bis hin zu widerwärtig. Das erschütternde, es wirkt absolut realistisch. Bei all dem Fokus auf die kleine Geschichte ist das handwerkliche fast schon nebensätzlich, jedoch ist dieser Streifen auch handwerklich in allen Bereichen mindestens solide, auch wenn das Independentgefühl dem Film immer anhaftet.

Fazit

Trotz einer suboptimalen Struktur ist „Niemals Selten Manchmal Immer“ ein überzeugender Film zu einem gesellschaftlich (immer noch) relevanten Thema. Vor allem Hauptdarstellerin Sidney Flanigan schafft es zu überzeugen. 7/10.

Daten & Fakten

Originaltitel: Never Rarely Sometimes Always

Regie & Drehbuch: Eliza Hittman

Produktionsland: USA

Darsteller: Sidney Flanigan, Talia Ryder, Theodore Pellerin uw

Genre: Drama

Länge: 102 Minuten

Gesehen am: 05.10.2020 im Apollo Kino Aachen

5 Kommentare zu „Niemals Selten Manchmal Immer

  1. Als Introvertiert habe ich sie natürlich auch wahrgenommen, allerdings bietet sie dadurch m.E. Sogar eine größere Projektionsfläche für den Zuschauer, als eine vollständig ausdefinierte Figur. Für mich war es aber weniger ihr Charakter denn ihr Handeln, der ihr für mich diese Ausstrahlung von „Ich hole mir jetzt die Hoheit über meinen Körper zurück“ verliehen hat: Den Schritt zu gehen, durch das Land zu reisen und sich nicht von etwaigen Bestimmungen und Vorstellungen zu Hause davon abbringen zu lassen, steht für mich für starke Souveränität.

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    1. Ich finde auch, dass es ein sehr starker (& stark gezeichneter) Charakter ist, aber ich habe mehrmals Kritik in einigen Filmformaten an der Figurenzeichnung und daraus folgend an der ‚fehlenden Emotionalität‘ vernommen und die häuft sich bei introvertierten Charakteren (Mein Lieblingsbeispiel ist der von uns beiden hochgeschätzte „First Man“) gerne Mal.

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      1. Ich weiß nicht – ich brauche gar nicht unbedingt emotionale Ankerpunkte oder ein (manchmal erzwungene) Zugänglichkeit, um mit einer Figur connecten zu können. Für mich ist eher wichtig, dass ihr Handeln für mich nachvollziehbaren Motiven folgt. Das war sowohl hier als auch bei First Man der Fall.

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  2. Ist jetzt schon ewig her, dass ich den Film auf der Berlinale gesehen habe, ich habe ihn aber noch sehr gut in Erinnerung und Autumn auch als „greifbar“. Ich fand gerade auch den Part der Provinz-Mädchen, die das erste Mal in das riesige und völlig fremde New York kommen (und das nicht mal, um dort Urlaub zu machen) realistisch erzählt. Und die Übergriffigkeit von Jungs oder Männer mit der sich Mädchen und Frauen nahezu täglich auseinandersetzen müssen, perfekt – ohne viel Aufsehen – in die Geschichte aufgenommen.

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    1. Ich empfand sie auch als greifbar, gerade die Art Charakter wird oft als ungreifbar bezeichnet und die Kritik habe ich auch mehrmals gehört, daher hab ich es eingewoben, mit dem Hinweis, dass ich es nicht so empfunden habe. Gerade weil der erste Part so gut funktioniert hatte ich leichte Probleme mit der Struktur des Films. Diese Übergriffigkeit empfand ich auch als realistisch und gelungen porträtiert und auch sehr gut in die Geschichte eingewoben.

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