Inhalt

Joe Gardner ist unzufrieden mit seinem Beruf als Musiklehrer und hofft immer noch auf eine Chance als Jazzpianist durchzustarten. Just als er diese bekommt, fällt er durch einen offenen Gullischacht und landet auf dem Weg zum Jenseits. Joe flieht ins Vorseits und wird irrtümlicherweise Mentor der zynischen Seele 22, die sich schon seit Jahrhunderten dem Erdleben verweigert.

Meine Gedanken zum Film

Als ich im Frühjahr auch die letzten Pixarbildungslücken geschlossen hatte, war ich leicht ernüchtert. Bis auf „Inside Out“ konnte mich keiner der jüngeren Pixarfilme mehr ergreifen, selbst der hochgelobte „Coco“ nicht, wohingegen die hochgelobten Werke aus der fruchtbaren Phase von „Findet Nemo“ bis „Toy Story 3“ mich immer noch vollkommen begeistern. „Onward“ brachte dieses Gefühl wieder zurück, „Soul“ übertrifft das jedoch noch einmal und hat mich wieder begeistert zurückgelassen und meine hohen Erwartungen erfüllt.

Die oben umschriebene Handlung nimmt im Grunde genommen eine Art Prolog von etwa zehn Minuten ein, bevor Joe in die Welt des Vorseits geschmissen wird. Spätestens in dem Moment zeigt sich schon die Pixarmagie, eine solche Welt zu erschaffen schaffen nur wenige, eine solche Welt auch als glaubhafte Metapher zu etablieren (ähnlich wie bei „Inside Out“) schafft im Grunde eigentlich nur die Kreativschmiede von Pixar. Das Vorseits bereitet die Seelen auf ihr Erdenleben vor (auf dem Weg dorthin vergessen sie ihre Zeit im Vorseits), dabei helfen Mentoren (kürzlich verstorbene inspirierende Persönlichkeiten) den Seelen den Funken zu finden. Kontrollieren tuen das die Fachberater, die alle Jerry heißen und in 2D animiert sind. Begründet wird das ganze damit, dass dies eine abstrakte Darstellungsform der Quanten sein soll und spätestens hier merkt man, dass das Team rund um Pete Doctor nochmal eine Stufe Komplexität draufgelegt hat. Pixar hat immer schon Filme für Erwachsene im Gewand von Kinderfilmen gemacht, hier wird das noch einmal deutlicher. Kinder werden zumindest mit Details Probleme haben, auch wenn ich davon ausgehe, dass die Kernbotschaft klar genug ausgedrückt wird, um auch im Kindesalter zu verstehen und wahrscheinlich auch zu genießen.

Der Film nach dem Prolog lässt sich in drei in etwa gleich große Teile aufteilen. Der erste Teil spielt alleine in der Welt des Vorseits und lebt von den Dialogen zwischen Joe und 22 sowie den immer wieder eingestreuten Momenten, wenn 22 mit anderen prominenten Mentoren zu sehen ist. Diese schnell eingestreuten Sequenzen sind unwahrscheinlich witzig, sodass ich mir schon eine Kurzfilmreihe für Disney+ davon wünsche. Daneben gibt es eine kurze Sequenz, in der man an einer Wand die Mentorenschilder von den Mentoren von Seele 22 sieht, die viel Potenzial dafür offenbart.

Der zweite Teil spielt auf der Erde und spielt mit der Idee eines Bodyswitches, ursprünglich war „Soul“ als Heistmovie rein im Vorwärts angelegt, ich kann nur sagen, dass die Umsetzung mit dem Body Switch gelungener ist, als die Ursprungsidee klingt. Vor allem hier fällt auf, wie gut die Pixaranimationen geworden sind und sie scheinen mit jedem neuen Film noch einen Ticken besser, klarer, echt wirkender zu wirken. Wahrscheinlich ist das hier gezeigte New York, das Schönste, das man lange in Filmen bewundern konnte. Auch die Darstellung der afroamerikanischen Figuren ist gelungen. Durch die Bodyswitchidee kann das Komiklevel erstmal auch gehalten werden, hervorragender Slapstick sowie Dialogduelle werden geboten, bevor sich der ernstere Kern des Films aufspielt. Dabei entstehen fantastische Szenen (mein Favorit die gesamte Sequenz im Frisörsalon sowie die Aussprache zwischen Joe und seiner Mutter).

Mit dem Übergang in den dritten Akt entsteht ein aus meiner Sicht hakeliger Moment, der den Film beinahe deutlich schwächt, glücklicherweise kann für die Conclusio dann eine Lösung gefunden werden, die funktioniert. Das Ende ist dann vielleicht nicht der ultimative Tränenziehermoment, jedoch ein Moment, der mich beides Mal auch ohne Tränen emotional komplett bekommen haben, denn „Soul“ ist der vielleicht wichtigste Film im Jahr 2020. Einem Jahr, dass durch die Corona-Pandemie viele Möglichkeiten geraubt Erlebnisse zu machen und nicht nur dahingehend Tribut gezollt hat. „Soul“ vermittelt anhand der Reise seiner beiden liebenswerten und doch hochfehlerbehafteten Hauptfiguren Joe und 22 eine Antwort auf der Suche nach dem, was das Leben lebenswert macht. Dabei wird hier mit dem ewigen hinterherlaufen eines Traums aufgeräumt und stattdessen vermittelt, dass das Leben bei allen Problemen, Schwierigkeiten, Schicksalsschlägen immer wieder wunderbare Mal größere Mal kleinere Momente bietet, die das Leben lebenswert machen. Ziele können sich ändern, die Sicht auf die Dinge verändert sich mit der Zeit, wichtig ist jedoch sich bewusst zu machen, zufrieden mit dem zu sein was man hat ohne das Streben nach weiteren Erlebnissen und Zielen zu verlieren. Eine Botschaft, die Kinder vielleicht sogar weniger brauchen als jene Erwachsenen, die ihr Leben in der Sackgasse wähnen.

Fazit

Der neueste Pixarstreich „Soul“ ist ein gleichsam witziger wie bewegender Blick auf das Leben. Der beste Film des Studios seit „Inside Out“. 9/10

Daten & Fakten

Regie: Pete Doctor

Drehbuch: Pete Doctor, Kemp Powers, Mike Jones

Produktionsland: USA

Genre: Animation, Drama

Länge: 100 Minuten

Gesehen auf Disney+ am 25.12 & 27.12.2020 jeweils in der deutschen Synchronfassung

6 Kommentare zu „Soul

  1. Der Detailreichtum ist extrem bemerkenswert (generell) bei Pixar-Filmen, klar die Szene in den Herrensalon ist eine davon. Stimmt, mit den anderen Mentoren aus dem Davorseits (das ist übrigens der Begriff den Disney in ihrer deutschen Inhaltsangabe zu dem Film wählt) könnte man eine eigene Kurzfilmreihe machen oder halt überhaupt einen Ableger zu diesem Spielfilm.

    Bei den besten Pixar-Filmen heule ich Rotz und Wasser. Hier fand ich die Erinnerungsszenen rührend, aber ich habe nicht ein Tränchen vergossen. Ja gut, wenn Dir „Onward“ gefällt…den habe ich damals angefangen, bin dann irgendwann weggedöst. Die Figuren fand ich aber schon schrecklich.

    „Soul“ der vielleicht wichtigste Film im Jahr 2020? Okay, für mich leider definitiv nicht, sehenswert ist er aber unbedingt. Schade, dass wir ihn nicht im Kino sehen können.

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    1. Es ist nicht der Tränenzieher, das nicht, da ist das Ende von „Onward“ expliziter, aber wenn dir der auch nicht gefallen hat, aufgrund der Figuren, wird das auch nicht funktionieren.
      Ich höre mir gerne Gegenvorschläge an, was die Frage nach dem wichtigsten Film des Jahres ist. „Vergiftete Wahrheit“ wäre (nach dt. Release Dates) mein anderer Kandidat, der mir aber zu wenig optimistisch ist.

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      1. Der wichtigste Film des Jahres hört sich für mich eigentlich zu hochtrabend an, aber, wenn es für Dich der wichtigste war, ist es doch okay. Für mich war „Nomadland“, als ich ihn gesehen habe, beispielsweise der perfekte Film für das (Corona-)Jahr, ich hoffe, ich habe auch verständlich erklärt, warum. Am Ende ist alles ein subjektives Empfinden. Der eine liebt einen Film, der andere nicht, dem einen geht eine Geschichte nah, dem anderen nicht, usw. Ist doch okay so wie es ist.

        Jetzt wünsche ich Dir aber einen guten Rutsch, in ein hoffentlich besseres Jahr 2021 mit vielen Filmen, die es wert sind, sie toll zu finden.

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        1. Mich hat der komplett im richtigen Moment erwischt, das subjektive Empfinden ist auch einfach nicht zu unterschätzen bei einer Bewertung. Auf „Nomadland“ bin ich gespannt, wann auch immer ich den auf legalen Weg (am besten im Kino) sehen könnte.

          Ich wünsche dir auch einen guten Rutsch und zur Not greife ich wieder auf alte Filme zurück, die ich noch nicht gesehen habe, um sie für mich zu entdecken.

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          1. Das ist wirklich etwas erschreckend, was Du wegkonsumierst. Bei dieser Anzahl kann ein Film ja nichts Besonderes mehr sein. Davon abgesehen, dass das richtige Leben an Dir vorbeizieht. Ich möchte – ehrlich gesagt – auch nicht mehr jung sein. Wenn ich mir vorstelle in dem Alter, nicht ständig um die Häuser ziehen zu können und feiern zu gehen, Konzerte zu besuchen, neue Leute kennenzulernen mit denen man abhängen kann, sich zu verlieben, etc. – ich glaube, ich wäre sicher nicht so brav zu Hause. Das wiederum finde ich toll, aber
            vergiß nicht, jung zu sein.

            Hoffentlich ist dieser Corona-Albtraum bald vorbei und dann wünsche ich Dir, dass Du nur noch auf unter 100 Filmen im Jahr kommst, denn das ist auch noch super viel. 😉

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            1. Mich ärgert eher mehr, dass in letztem Jahr zu wenig gemacht zu haben, um die Häuser zu ziehen etc.

              Ich glaube unter dreistellig werde ich erst, wenn ich irgendwann mal im Referendariat bin, werde aber dieses Jahr stärker selektieren, was ich sehen möchte

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