Heute geht es in der Klassikerparade ehrlicherweise eher um Klassiker der zweiten Reihe, auch wenn ein Oscargewinner als Bester Film dabei ist und auch ein Film des Großmeisters des Suspense Alfred Hitchcock ist vertreten und die Qualität der meisten Filme ist auch noch sehr gut.

Das Millionenspiel

gesehen auf DVD

Deutschland 1970er-Jahre: Der Privatsender TeTV hat die Sendung „Das Millionenspiel“ zu einem Erfolgsformat ausgebaut. Ein junger Mann (Jörg Pleva) wird eine Woche lang durch Deutschland von der Körferbande (angeführt von einem unbekannten Didi Hallervorden) gejagt. Das ganze wird in einer Samstagabendshow inklusive jovialem Showmaster (Dieter Thomas Heck) anschaulich gemacht.

Man kann nicht anders als dieses Werk von Regisseur Tim Toelle und Drehbuchautor Wolfgang Menge als visionäres Stück Fernsehen zu bezeichnen. 1970 bei der Erstausstrahlung des Films im WDR haben Zuschauer sowohl ihre Empörung über die „Show“ geäußert als auch versucht Bewerbungen einzureichen. Das lässt sich natürlich auf die große Authenzität einer Abendshowimitation fußen, auch wenn immer wieder Szenen in der Regie spielen, die zeigen wie der Sender das Spiel zur Quotenmaximierung manipuliert. Nahezu alles, was „Das Millionenspiel“ anspricht, ist heutzutage Alltag von Reality-Shows. Mord ist nicht Teil heutiger Sendungen, allerdings ist Rufmord und das Beenden von Karrieren ja tagtäglicher Bestandteil solcher Sendungen. Ebenso bemerkenswert ist wie Menge und Toelle die Entwicklung vorhersehen, dass man irgendwann kein besonderes Talent oder besonderen Ehrgeiz besitzen muss, um Berühmtheit zu erlangen. Der blasse Protagonist ist ein exzellentes Beispiel hierfür. Wenn man sich das Studiodesign und den Sendungsaufbau ansieht, kommt man auch nicht umhin zu mutmaßen, dass sich die Macher des Films „Running Man“ Verfilmung hiervon hat inspirieren lassen, denn Farbgestaltung, Showelemente und die Studioröhre haben es auch dort in den Film geschafft. Einzig die dramaturgische Zuspitzung hätte noch konsequenter sein können. 8/10

Frau ohne Gewissen (Double Indemity)

gesehen auf Prime Video in der deutschen Synchro

Phyllis Dietrichson (Barbara Stanwyck) schließt mithilfe des Versicherungsmaklers Walter Neff (Fred MacMurray) heimlich eine Lebensversicherung auf ihren Ehemann ab. Neff wird aus Zuneigung ihr Partner, bei dem Plan Mr. Dietrichson umzubringen, doch sein guter Freund Barton Keyes (Edward G. Robinson) könnte hinter den Plan steigen…

Im Grunde genommen ist dies einer der ersten (und sicher auch wichtigsten) Film Noir. Billy Wilder schafft es auch diesen Film spannend zu inszenieren, obwohl der Zuschauer schon zu Beginn erfährt, dass Neff am Ende der Geschichte ein Geständnis aufzeichnen wird. Also ist „Double Indemity“ (so der Originaltitel nach der Eigenart der Versicherungspolice) einer dieser Filme, die das „Wie geschieht das?“ anstelle des „Was geschieht?“ in den Mittelpunkt und da glückt erstaunlich gut, auch wenn es noch ein paar mehr Filme aus den 1940ern gibt, die den Zahn der Zeit besser überstanden haben. Wilders Drehbuch ist straff und raffiniert mit Dialogen, die heute noch als gewieft durchgehen. Die Inszenierung ist zurückhaltend, aber zweckmäßig. Schauspielerisch sticht vor allem Barbara Stanwyck als genretypische Femme Fatale. Wenn sich die Handlung gegen Ende auflöst bleibt durch den gewählten Weg jedoch mehr hängen, als durch eine Inszenierung als Schlusspointe, wodurch dieser bittere Film Noir besser wirkt. 8/10

Verdacht (Suspicion)

gesehen auf DVD in der deutschen Synchro

Auf einer Zugfahrt verliebt sich Lina McLaidlaw (Joan Fontaine) Hals über Kopf in den charmanten John Aysgarth (Cary Grant), den sie auch für reich hält. Heimlich heiraten sie zügig, doch es stellt sich heraus, dass Aysgarth nicht nur arm ist, sondern auch sonst zwielichtig…

Alfred Hitchcock hat über fünfzig Filme in seiner Laufbahn gedreht, da erscheint es nur logisch, dass er nicht nur gute, sondern auch mittelmäßige Filme zu verantworten hatte. Ein solcher Fall ist diese Romanverfilmung, die zwar eine interessante Ausgangslage hat, welche jedoch teilweise dem Vorgängerfilm „Rebecca“ ähnelt. Wo „Rebecca“ zu jeder Sekunde damit spielt, möglicherweise ein Thriller zu sein, obwohl der Film eher eine melodramatische Romanze darstellt, muss hier die Romanze aufgesetzt werden. Würde der windige Aysgarth nicht vom legendären Cary Grant gespielt werden, müsste man sich fragen, ob Hitchcock uns wirklich glaubhaft vermitteln will, dass Lina nicht so schnell wie möglich aus diesem Alptraum von Ehe entspinnt, auch wenn die Alternativen damals weniger prickelnd erscheinen. Auch sonst fehlt diesem Streifen der übliche Esprit von Hitchcockstreifen, sodass er ein wenig dahinplätschert, bevor ein vollkommen deppertes Ende (ernsthaft: Das Ende ist derart grauenhaft, dass es zu den schlechtesten zählen darf) den Zuschauer fast schon verärgert zurücklässt. 5/10

Das verlorene Wochenende (The Lost Weekend)

gesehen auf DVD in der deutschen Synchro

Don Birnam (Ray Milland) ist nicht nur als Autor in der Krise, er ist alkoholabhängig und anstatt ein gemeinsames Wochenende mit seinem ihn unterstützenden Bruder zu verbringen, geht er seiner Sucht nach, auch seine Lebensgefährtin Helen kann dies nicht ändern.

Bis heute gilt „Das verlorene Wochenende“ als Orientierung für die Darstellung von (Alkohol-)Sucht im Film. Nach meiner Sichtung dieses Billy Wilder Klassikers kann ich nur sagen, vollkommen zurecht. Ray Milland, der bis dahin vorwiegend für seichte Komödien bekannt war, gelingt eine beeindruckende schauspielerische Tour de Force, die den Alkoholismus in allen Facetten darstellt. Unterstützt wird Milland dabei von einem beeindruckenden Drehbuch, das neben unangenehmen Stationen auch Rückblenden gekonnt einbettet, wodurch der Film an Tempo und Tiefe gewinnt. Einige Szenen, wie jene in der Milland im Suff sein Apartment auf der Suche nach versteckten Alkohol versteckt sind brillant konzipiert, auch die konzentrierte Regie leistet seinen Beitrag. So werden simple Tricks genutzt, wie ein Still auf einen Tresen auf dem sich Schnapsglasabdrücke mehren, um zu zeigen, wie viele kurze Don trinkt, obwohl er jene in seiner Stammbar eigentlich nicht bezahlen kann. Wenn sich dann am Ende abzeichnet, dass Don kurz vorm Suizid steht, dreht dieser Film noch einmal auf, um mit einen vielschichtigen Abschluss den Zuschauer zum nachdenken zu bewegen. 9/10

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7 Kommentare zu „Klassikerparade (23) – Das Millionenspiel, Frau ohne Gewissen, Verdacht, Das verlorene Wochenende

  1. Frau ohne Gewissen fand ich sehr langweilig, was besonders an der Machart lag, dass man mehr oder minder weiß (oder es sich zumindest ausmalen kann), was passieren wird. Zudem blasse Charaktere, die mir keinerlei Freude bereitet haben – weder im unterhaltsamen noch im zwielichtigen Sinne. Dass der Plan von den beiden auf diese Weise wahrscheinlich nie umgesetzt worden wäre, wenn sie auch nur mal 30 Sekunden nachgedacht hätten, spielt da noch nichtmal eine große Rolle bei meiner Bewertung.
    Wie sagtest du noch zu Aliens: wenn man ihn gesehen hat, als er rauskam… 😛

    Das Millionenspiel hingegen ein heutzutage unbeachteter Fernsehfilm, der eigentlich ein hochgelobter Klassiker sein sollte. Wobei sich da glaub ein kleiner Fehler eingeschlichen hat: Verhoeven hat Running Man nicht zu verantworten. Die Ähnlichkeit ist natürlich trotzdem auffallend.

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    1. Ich mag die Machart ja ganz gerne, wenn es gut umgesetzt wird, wie hier, wobei man sagen muss, der Zahn der Zeit hat hieran schon genagt. Ich hatte dennoch meine Freude damit, die Charaktere empfand ich dem Plot angemessen, die Motivation war nicht besonders komplex, aber nachvollziehbar.

      Ich verbinde gute Arniefilme schnell mit entweder James Cameron oder Paul Verhoeven (der Film hätte aber auch gut zu seiner Vita gepasst), aber hast natürlich Recht, danke für die Anmerkung. Die, die „Das Millionenspiel“ gesehen haben loben ihn ja vollkommen zurecht, da bin ich ganz deiner Meinung

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      1. Die Motivation war durchaus nachvollziehbar. Der Plan selbst völlig hanebüchen. Selbst damals sollte klar gewesen sein, dass man die richtige Todesursache von „er ist aus dem Zug gefallen“ sofort unterscheiden kann. Aber ja, sollte man nicht zerdenken. Trotzdem lieber Zeugin der Anklage zum wiederholten Mal.

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