Das Phänomen der Boybands ist in der Geschichte der Popmusik eine lange, dennoch muss man sagen, dass es eine außerordentliche Hochphase zwischen 1990 und 2004, die das Bild von Boygroups nachhaltig einbrannte. Gutaussehende junge Männer, wovon mindestens einer verkappt homosexuell war, die vorwiegend junge Frauen im pubertären Alter ansprachen mit wahlweise anspruchslosen seichten Popnummern zu denen in Choreographie getanzt wird oder schmachtenden Balladen, die gefällig gemacht sind und genau so anspruchsvoll, um auch Skeptikern zu zeigen, dass sich hinter den optisch ansprechenden Herren sich mindestens eine hervorragende Stimme verbog. Pop war schon immer auch Industrie, doch nirgendwo trat das bis dato so deutlich zu Tage wie bei den gecasteten Boygroups.

New Kids on The Block waren die Vorreiter, Take That die Benchmark und die Backstreet Boys profitierten von der Produktion eines gewissen Max Martins und gerade als die große Dominanzflut an Boybands (neben den genannten gab es noch inzwischen mehr oder weniger in Vergessenheit geratene Vertreter wie Caught in the Act, East 17, Boyzone und Westlife und weitere Gruppen, die nur noch damalige Hardcorefans kennen) vorbei schien, schwang sich noch eine Gruppe auf, noch in den Olymp der Boygroups einzutreten: Blue. Ironischerweise trafen sich zwei der vier Bandmitglieder, Duncan James und Anthony Costa bei der britischen Castingshow Pop Idol kennen. Castingshows, jenes Konstrukt, welches Boybands verdrängte mit einer regelmäßigen Neuproduktion von kurzlebigen Musiksternchen und aufgebaut auf Musiknummern, die eine konsequente Weiterentwicklung des Boybandsounds darstellten. Zusammen mit Lee Ryan, der in der Regel für die besonders schwierigen hohen Töne verantwortlich war und Simon Webbe schlossen sich die vier zu einem Quartett zusammen, die die Gesangsqualitäten von Take That mit dem Sound der Backstreet Boys gekonnt verbinden zu wussten. Die erste Single „All Rise“ konnte sich in den UK direkt auf Platz Vier platzieren, der Nachfolger „Too Close“ wurde der erste Nummer Eins Hit. Im Folgejahr ein paar Hits später folge der Ritterschlag durch Sir Elton John, der mit den vier Briten eine Coverversion seiner Klavierballade „Sorry seems to be the hardest word“ aufnahm. Dennoch der beste Song der vier folgte 2004 auf dem dritten Album „Guilty“. Die dritte Singleauskopplung, die auf den höchsten Qualitätsmaßstäben produzierte Ballade „Breathe Easy“ sollte im Nachgang der Bluesong werden, der mit der Band verbunden wird.

„Breathe Easy“ ist ganz auf die Stimmen der vier komponiert, wodurch der Song eine große Range aufbietet und somit zum Lieblingssong all jener jungen Sänger wird, die bei Castingshows ihre stimmliche Bandbreite präsentieren wollen. Die meisten scheitern jedoch mehr oder weniger kläglich, besonders daran den einen besonders hymnischen Moment zu treffen (Zur Verteidigung sei gesagt, dass der hier noch so glänzende Lee Ryan das inzwischen auch nicht mehr schaffen würde). Ein weiterer Punkt, der bei „Breathe Easy“ heraussticht ist die Dynamik, in einer Zeit in der es besonders en vogue war leise Stellen eines Tracks lauter zu mischen, um ein höheres Lautstärkelevel beim Hörer zu erreichen traut sich dieser Song oft genug ganz leise und zerbrechlich zu sein, wodurch die Steigerung hin zum hymnischen Refrain besonders wirkt. Verstärkt wird das ganze noch, dass sich die Dynamik durch den Song immer weiter steigert. So wie dieser Song müssen Klavierballaden, die diesen einen Höhepunkt produzieren wollen, sein.

Ein Jahr nach ihrem künstlerischen Höhepunkt trennte sich die Boygroup, startete jedoch 2009 einen Comebackversuch, der sie 2011 zum Eurovision Song Contest führte wo sie mit der konsequenten Anpassung ihres Sounds an die ESC-Geflogenheiten mit dem Song „I Can“ die beste britische ESC-Platzierung seit Ewigkeiten hätten holen können, wäre da nicht die Live-Performance gewesen in der Lee Ryan die auf ihn komponierten hohen Töne konsequent versemmelte, was vor allem im Juryvoting kostete. So wurde es statt einer Platzierung in den Top Fünf oder gar Top Dreien ein elfter Platz. In den deutschsprachigen Ländern reichte es dennoch für eine Top Ten Platzierung in den Single Charts und dank der Beteiligung ihres Songs „Hurt Lovers“ am Matthias Schweighöfer Vehikel „Schlussmacher“ konnten die vier zumindest in den deutschen Charts noch einen weiteren Erfolg feiern. An die Qualität von Take Thats zweiter Phase konnten die vier jedoch nie nur ansatzweise anschließen.

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