Inhalt

Cassie (Carey Mulligan), eine vielversprechende Medizinstudentin, bricht nach dem Selbstmord ihrer besten Freundin ihr Studium ab und beginnt ein Doppelleben, einmal die Woche geht sie in eine Bar und simuliert betrunken zu sein, um Männern die hilflose Frauen ausnutzen das fürchten zu lehren. Dann trifft sie ihren ehemaligen Kommilitonen Ryan (Bo Burnham), dem sie langsam anfängt zu vertrauen

Meine Meinung zum Film

Selbst die besten Filmemacher liefern nicht immer gute Debütfilme, umso beeindruckender das Regiedebüt der Schauspielerin Emerald Fennell (die, soviel vorweg vollkommen zu Recht unter anderem für den Oscar in der Kategorie: Beste Regie nominiert ist), welche mit „Promising Young Woman“ einen Film präsentiert, der schon in der Prologsequenz das versprechen abgibt: „Das hier ist ein verdammt guter Film.“ Die Prologsequenz, die einen typischen Barabend der simuliert betrunkenen Cassie aufzeigt wirft den Betrachtenden sofort in den Film hinein. Wie Cassie hier eingeführt wird, gewieft, zornig, willensstark lässt uns sofort an einen Charakter binden, bei dem man lange Zeit nicht weiß, was sie mit den Männern, die sich ihr annehmen letztendlich anstellt. Dabei arbeitet Fennell mit einer grellen Inszenierung, Neonfarben spielen eine große Rolle ebenso wie Bubblegumpop (nicht nur in der Auftaktszene). Diese gekonnt grelle Inszenierung hilft neben einem gut dosierten immer wieder hervorschimmernden schwarzen Humor diese zutiefst tragische Geschichte (ein erste Indiz gibt schon die allererste Einstellung auf Cassie) konsumierbar zu machen.

Denn unter der laut-grellen Fassade ist „Promising Young Woman“ ein gleichermaßen trauriger wie zorniger Film. Im Grunde ist dieser Film eine Antithese zu Filmen, die die Me-Too Debatte Folgen wohlwollend (auch wenn man dazu sagen muss, dass „Promising Young Woman“ Ninas Suizid sieben Jahre zurücksetzt) begleiten und damit die Thematik in Feel Good Filmen zu verpacken. „Promising Young Woman“ ist hingegen erdrückend furios darin aufzuzeigen, wie fies Männer handeln und wie sehr Frauen unter sexueller Gewalt zu leiden haben. Kritiker des Films werfen „Promising Young Woman“ vor männerhassend und zu stilisiert zu sein, wobei diese Kritik mehr über den Kritiker aussagt, denn wenn man ehrlich reflektiert, kommt man zu dem Schluss, dass das gezeigte Verhalten allgegenwärtig ist. Dies ist verpackt in einer Charakterstudie rund um den eigenwilligen Charakter Cassie, den wir schnell als Zentrum des Films akzeptieren und dann doch ihre Handlungen nicht ganz verstehen können. Dabei lässt sich Emerald Fennell ordentlich stark, inszeniert dafür aber sauber Szene für Szene, um das Puzzle dieses traumatisch geprägten Charakters langsam zu vervollständigen ohne der Figur den Reiz zu rauben. Dabei hilft eine nuancierte, immer passende Schauspielperformance von Carey Mulligan (die hoffentlich mit dem Oscar honoriert wird), die es schafft diese Gradwanderung zwischen Empathie und Distanz zur Figur für die Zusehenden konstant aufrecht zu erhalten. Hätte man mir den Film gepitcht, hätte ich eine Reihe von Schauspielerinnen eher für die Hauptrolle in Erwägung gezogen als Mulligan, die zu keiner Sekunde des Films Zweifel lässt, ob sie die Idealbesetzung sei. Überhaupt ist das Casting gewagt und gerade deswegen superb. Der Comedian (und Regisseur von „Eighth Grade“) Bo Burnham spielt den Love Interest Ryan derart drollig, dass sich selbst RomCom Hasser ein Happy End in dem Stil für die beiden wünscht. Jennifer Coolidge, die mir vorwiegend aus komödiantischen Rollen bekannt ist, spielt in den wenigen Szenen Cassies verzweifelte Mutter, die kurzzeitig einen Lichtblick sieht. Allison Brie wird in einem Kurzauftritt zumindest am Ende der Szene komplett gegen ihr Rollenprofil besetzt und dann gibt es noch einen überraschenden Cameoauftritt, dessen Bedeutung weit über die eigentliche Szene hinaus geht.

Ein weiterer Pluspunkt dieses Streifens ist das Drehbuch, welches viele Szenen anders auflöst als erwartet, mit den Erwartungen spielt und uns nach circa siebzig Minuten einen Weg zu einem zügigen Ende aufzeigt, um dann eine drastische Wendung mithilfe einer Szene, in der wir Cassie beim sichten eines Videos beobachten können, einleitet. Spätestens da löst sich die Fassade des unterhaltsam aufbereiteten Films, um sich vollends der Wut hinzugeben, die zuvor immer wieder angedeutet worden ist. Dabei schafft es „Promising Young Woman“ ein beeindruckendes Filmende zu präsentieren, welches den Film noch einmal in ein anderes Licht rückt. Es ist zu hoffen, dass die Academy diesen mutigen, furiosen Streifen mit Preisen honorieren wird.

Fazit

Auf furiose Weise faszinierend präsentiert Emerald Fennell mit ihrem Regiedebüt „Promising Young Woman“ mithilfe einer famos aufspielenden Hauptdarstellerin eine Charakterstudie einer traumatisierten Frau im Neongewand. 9/10

Daten & Fakten

Regie & Drehbuch: Emerald Fennell

Darsteller: Carey Mulligan, Bo Burnham, Jennifer Coolidge, Laverne Cox, Clancy Brown, Allison Brie, Adrian Brody ua

Länge: 113 Minuten

Genre: Drama, Thriller

Gesehen auf FlixFling (betreibt kein Geoblick) für 5,99$ in der Originalfassung am 19.3.2021

6 Kommentare zu „Promising Young Woman

  1. FlixFling? Hört sich für mich nach einer unseriösen und illegalen Möglichkeit an, Filme zu schauen, da der Film in den U.S.A.(wo die Firma ja scheinbar ihren Sitz hat) derzeit noch im Kino läuft bzw. nur als PVOD (für 19.99 USD) über legale Streamingplattformen zur Verfügung gestellt wird.

    Zu dem Film: ich finde nicht, dass die Regisseurin, wie Du es 3x betonst, mit einer (nur) grellen Inszenierung und Neonfarben aufwartet. Mir ist gerade das Pastellige und Mädchenhafte (vom Szenenbild, der Kostüme und Frisuren) in Erinnerung. Ich finde, dass Emerald Fennell es schafft, sehr subtil darzustellen, dass es eben nicht allein sexuelle Gewalt, sondern jegliche Form von (sexueller) Übergriffigkeit, ist, denen wir Frauen tagtäglich ausgesetzt sind. Allein diese Typen auf der Baustelle, an der sie vorbeigeht. Fand ich eine tolle Szene. Jennifer Coolidge als Cassies Mutter fand ich nicht wirklich aufopferungsvoll, hat sie ihr sogar – als Wink mit dem Zaunpfahl – den Koffer geschenkt. Ihr Vater und ihre beste Freundin, die Café-Besitzerin, waren irgendwie die Einzigen, die sich wirklich um sie geschert haben. Alles in allem trifft der Film den Zeitgeist wie kein anderer gerade, insbesondere gerade mit dem Fall der jungen Londonerin, die auf ihrem Heimweg verschleppt und ermordet wurde und der anschließenden Debatte, dass man sich als Frau auf der Straße nie, vor allen Dingen nachts nicht, sicher fühlen kann. Männer können sich natürlich nicht in die Gefühlslage reinversetzen. Mit dieser aktuellen Diskussion trifft der Film, in meinen Augen, perfekt den Zeitgeist.

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    1. Die Plattform wird auf Übersichtsseiten wie Justwatch direkt neben den Amazon, iTunes und Co angezeigt, wo mir auch ne Leihgebühr von (inzwischen) 5,99$ angezeigt worden ist. Ich war auch zunächst irritiert davon, dass es dort keinen Geoblock gibt.

      Sicher, sie ist nicht nur grell und Neonfarben, das war aber das was mir mehr hängen blieb als das pastellige. Ja die Baustellenszene war auch sehr stark. Hab aufopferungsvoll durch verzweifelt ersetzt, das passt besser.
      Ja der Film trifft den Zeitgeist perfekt und er ist auch ohne den direkten Bezug so gut, dass ich mir wünsche, dass er den Oscar als besten Film gewinnen möge.

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      1. „Die Plattform wird auf Übersichtsseiten wie Justwatch direkt neben den Amazon, iTunes und Co angezeigt, wo mir auch ne Leihgebühr von (inzwischen) 5,99$ angezeigt worden ist. Ich war auch zunächst irritiert davon, dass es dort keinen Geoblock gibt.“
        Das macht die Seite oder das Sichten eines Films über diese Seite aber nicht legaler. Geoblock hat damit nichts zutun, allein in den U.S.A. kommt es zu Urheberrechtsverletzungen, von Deutschland brauchen wir gar nicht erst anzufangen. Uncool.

        Ich würde mich auch darüber freuen, wenn als Überraschungsabräumer Bester Film gewinnt.

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        1. Nach nochmaliger Recherche erscheint mir die Seite an sich immer noch legal, die Liste an Streamingdiensten in den USA ist schon lang. Filme, die vom Universalkonzern verliehen werden, sind dort genauso als Home Premiere gelistet wie auf iTunes, Google Play oder Amazon. Ich konnte den Film dort gegen eine Leihgebühr für 48 Stunden beziehen, es wirkte für mich legal (abgesehen davon, dass ich dachte, dass alle Streamingdienste Geoblocking einsetzen). Natürlich bin ich gegen illegales Streaming, sonst hätte ich den Film auch über eine illegale Seite sehen können, aber dann genieße ich es auch nicht. Daher hab ich für den Film auch bezahlt, genau so wie ich für einen Film bezahlen würde, wenn ich einen VPN Zugang hätte und ihn dann über iTunes oder Amazon beziehen würde, was eine rechtliche Grauzone ist, sicher. So viel zu dem Thema, hätten wir gerade nicht geschlossene Kinos, würde ich darauf auch nicht zurückgreifen, aber wenn dann leihe ich die Filme auch aus und bezahle sie (bei „Promising Young Woman“ werde ich wahrscheinlich auch noch einen Kinobesuch machen, sollte er irgendwann die deutschen Kinos bespielen).
          Ich hoffe, dass er zumindest irgendwas gewinnt

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          1. Für mich ist das nicht Kosher, schon allein, wenn Du sagst, dass es kein Geoblocking gibt. Damit wäre die Seite ja weltweit nutzbar. Verleiher kaufen die Rechte an den Filmen für ihr Land, beispielsweise die Auswertung im deutschsprachigen Raum, extra ein. Darum schert sich dieses Portal offensichtlich nicht, daher kann es nicht legal sein, zumindest nicht für die Nutzung außerhalb der U.S.

            Ich habe ein amerikanisches iTunes-Konto, weil ich sehr viel in den Staaten bin und auch dort viel schaue. Ohne dieses Konto könnte ich hier auch nicht schauen.

            Oh, ich würde auch einige Filme oder Serien schauen, kann es aber nicht. Das ist kein Argument.

            Ich kann mir nicht vorstellen, dass der ohne einen Oscar nach Hause geht, irgendwas (Drehbuch oder Hauptdarstellerin) gewinnt der schon.

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  2. Zunächst ist es nicht verboten, einen VPN zu nutzen. Allerdings kann es gegen die Nutzungsbedingungen eines Anbieters verstoßen, auf diesen aus einem anderen Land zuzugreifen, da dieser die Inhalte in der Regel nicht für die gesamte Welt einkauft.
    Daher ist es z.B. auch nicht gestattet, mit einem US-iTunes-Account in Deutschland Inhalte anzuschauen.
    Wie handelt es FlixFling?
    Schaut man in die Terms of Service steht dort
    „The Company Service is available only, and Content can be accessed only, within the 50 states of the United States of America and Canada.“, womit sich die Frage eigentlich schon geklärt hat.

    Von einem moralischen Standpunkt musst du das selbst entscheiden. Ich würde es nur nicht im Text anpreisen 😉

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