Nächsten Samstag findet der Eurovision Song Contest in Rotterdam statt, die Probenwoche ist in vollem Gange und die Wettquoten lassen keinen klaren Siegkandidaten erkennen. Nun könnte ich hier einen der Beiträge aus dem 2021er-Jahrgang präsentieren, aber erstens kann man sich dazu gleich zwei Podcastfolgen geben und zweitens stand der heutige Song schon lange auf der Liste, der zu würdigenden Songs. Es geht um den Televotingsieger des letzten Eurovision Song Contests, dem norwegischen Beitrag „Spirit in The Sky“.

Der Song stammt von der zunächst für den norwegischen Vorentscheid zusammengestellten Musikgruppe KEiiNO, bestehend aus den drei Mitgliedern Tom Hugo, Alexandra Rotan und Fred Buljo. Hugo, in Berlin lebend und lange eher in der Singer-Songwriter Schiene beheimatet, gründete die Band, um endlich zum ESC fahren zu können. Die junge Sängerin Alexandra Rotan sagt von sich, dass sie in Balladen nicht wohl fühlt, auch wenn ihre Stimme die Kapazitäten hätte und Fred Buljo war ursprünglich als Rapper (wie es sich für einen waschechten Eurodancesong gehört) vorgesehen, doch dann fing Fred an zu joiken und das Trio entschloss gemeinsam mit dem Produktionsteam statt einem Rappart einen Joikpart einzubauen. Das Joiken ist ein ritueller Gesang der Samen, der Ureinwohner des Lapplands, bei dem der Klang der Musik wichtiger ist als die Aussage des Textes. Das Joiken hat einen leicht monotonen Stil und ist eine Art des Kehlkopfgesangs, die oft aus Improvisationen entsteht. Die restlichen Lyrics des Songs schaffen das seltene Kunststück einem Uptemposong einen gehaltvollen Text zu verpassen, auch wenn man kritisch einwerfen kann, ob man das Thema Gleichberechtigung in einem Uptempopartysong behandeln sollte. Zu Gute halten muss man aber die metaphorische Rolle des Themas, in direkter Linie singen KEiiNO hier nämlich von tanzenden Polarlichtern.

Musikalisch ist der Song so aufgebaut, wie ein eurodanceartiger Song beim ESC aufgebaut werden muss. Tom Hugo singt ein seichtes langsam aufbauendes Intro, welches direkt hängen bleibt. Mit Rotans erstem Gesangspart steigt die Drum Machine ein und die Synthies bauen sich weiter aus, bevor der Refrain das exaltierte Freudengefühl komplett einfängt. Leichte struktruelle Parallelen zum Rednexsong „The Spirit of the Hawk“ sind unverkennbar. Wo das schwedische Retortenprojekt jedoch amerikanisierte Klang- & Sprachbilder bedient, fangen KEiiNO den Geist des Nordischen ein. Die darauf abgestimmte Bühnenperformance half genauso wie die offen zur Schau gestellte Freude der drei an der Songpräsentation bei dem Überraschungssieg beim Televoting. Hätten die meisten Jurys den Song nicht abgestraft (die deutsche Jury muss hier ausgenommen werden, gab sie immerhin fünf Punkte), hätte er sich noch besser als der hochverdiente sechste Gesamtrang platzieren können. KEiiNO machen bis heute weiter Musik und waren beim diesjährigen norwegischen Vorentscheid mit dem deutlich schwächeren „Monument“ dabei und konnten dort einen zweiten Platz erzielen.

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