Eigentlich sollte ich ja jede Musikshow auf dem Samstagabendsendeplatz Abwechslung von Castingshows, die Gewinner hervorbringt, deren Halbwertszeit geringer als jene der App Clubhouse ist, oder dem Carmen Nebelschen von Florian Silbereisen okkupierten Schlagerveranstaltungen im öffentlich-rechtlichen bieten, unterstützen. Was unter der Federführung von Stefan Raab gestern in Prosieben zu sehen war, war jedoch ein derart wirres Stück Fernsehen, dass ich am Ende des Abends dachte: Wie kommt ihr auf die Idee, dass das gut ist? Dank Werbepausen und einer ellenlangen Votingvergabe wurde die Sendung auf über vier Stunden aufgebläht, also in typischer Stefan Raab Tradition.

Doch von Beginn an: Helge Schneider, letztes Jahr Teilnehmer beim Free ESC durfte eröffnen und zeigen, dass Prosieben wirklich die Lanxess-Arena in Köln gemietet hat, um sein letztes Jahr als Sturzgeburt entstandenes Musikshowprojekt in Anlehnung an den großen und glorreichen sowie letztes Jahr abgesagten Eurovision Song Contest, in die zweite Ausgabe zu schicken eine Woche vor dem ESC-Finale. Ideale Bedingungen, um Eurovisionsfans abzugreifen, die sich diese Show als Einstimmung geben. Der Rest der Show hätte exakt so auch in irgendeinem Studio der Brainpoolstudios stattfinden können. Doch just nach dem Opening begann auch schon das Elend. Wie schon letztes Jahr setzt Prosieben seine Allzweckwaffe Steven Gätjen ein, äußerst sympathisch aber auch mit Schwächen, wenn er an ein enges Moderationskorsett gezwängt wird. Zur Seite steht ihm Tom Neuwirth in Form seiner Kunstfigur Conchita Wurst (oder nur noch Wurst?). Gemeinsam geben die beiden ein bemühmt-sympathisches Duo ab, welches aber Wort für Wort Texte zum Fremdschämen aufsagen muss, sodass die Moderationsstrecken zwischen den Songs wie ein Fremdkörper in einem durchaus ernst gemeinten Musikwettbewerb wirken. Wobei die Frage, ob das ganze ernst gemeint ist doch nochmal betrachtet werden sollte, denn spätestens wenn in den Matzen zu den Ländern im besten Fall die naheligensten Klischees abgefeuert werden und im schlimmeren Fall ausländerfeindliche Ressentiments bedient werden fühlt sich jener Zusehende der sich nicht auf das unterste inzwischen arg morsche Humorregal aus Stefan Raabs TV Total Zeiten gefreut hat dezent verkackeiert. Stehen diese Matzen doch im Gegensatz zu den durchaus wertig inszenierten Auftritten der Teilnehmenden. Daneben sollte man genau betrachten, dass bis auf Slowenien, für das in alter Raabmanier, der letztjährige geplante ESC Teilnehmer Ben Dolic auftreten durfte, und Spanien für das ein No-Name Newcomer antratt alle südosteuropäischen Staaten (Polen, Griechenland, Kroatien, Türkei und Italien) mit deutschsprachigen (!) Songs von Künstlern, die nur einen Teil ihrer Wurzeln in den Staaten haben vertreten worden sind. Die Brücke zum kulturellen Rassismus ist von hier aus nicht weit, auch, weil mit Ausnahme der Türkei hier die musikalisch schlimmsten Beiträge versammelt worden sind.

Für Kroatien durfte Jasmin Wagner alias Blümchen zeigen, dass ich ihre gesanglichen Qualitäten gnadenlos überschätzt habe, so schwach war ihr Pop-Schlager „Gold“ (ein Ohrwurm im schlimmsten Sinne) intoniert. Für Griechenland durfte Sotiria ran, die mit einem belanglosen Popdudelstück, was vor ein paar Jahren Albumfüllware bei Frida Gold gewesen wäre. Italien wurde nach Sarah Lombardi letztes Jahr von Ex-Monrosesternchen und Ex von Mesut Özil Mandy Capristo vertreten, die vermutlich wegen anhaltender Erfolglosigkeit einen erneuten Imagewechsel durchgemacht hat und jetzt auch versucht Schlagerpop zu machen. Schön choreographiert war ihr Auftritt, ihr Gesang jedoch ließ arg zu wünschen übrig. Für Polen durfte das Schlagerduo Fantasy ran, deren „Wild Boys“ mir textlich aus der Seele spricht, lyrisch aber natürlich ein Totalausfall ist und musikalisch die unterste Schublade bedient, aber gut besoffen hätte ich für diesen Billoschlager sicher auch angerufen. Sloweniens Ben Dolic durfte beweisen, dass er beim ESC nichts gerissen hätte, hatte er doch mit „Stuck in my Mind“ einen Song am Puls der Zeit, den er aber derart ausstrahlungsfrei säuselte, dass er sich in die Schlagerfraktion bei der Punktevergabe einreihte. Man merkt schon, musikalisch war das Line-Up nicht der Brüller, hatte es noch belangloses Füllwerk von Hasbeens ala Milow und Amy McDonald zu bieten, durfte Rea Garvey noch eine von einem Geigenintro aufgehübschte Version seines Kolloborationshits mit VIZE „The One“ performen und so viel sei verraten es hat zum Sieg gereicht. Für Frankreich testete DJ Hugel die Qualitäten seiner neuen Single aus, die zwar ok war, jedoch weit hinter den Songs seiner Kollegen Ofenbach zurückblieb, welche die französischen Punkte vergeben durften. Doch halt drei musikalische Glanzlichter hatte dieser Abend doch zu bieten. Zunächst wäre da die türkischstämmige Elif mit ihrem „Alles Helal“, der Messagesong des Abends und vollkommen unterbewertet, dann die österreicherin Mathea, die damit auch Mal ein anderes Publikum ansprechen konnte und der Niederländer Danny Vera, der mit seinem „Roller Coaster“ alles andere wegpolierte, bevor zum Abschluss des Wettbewerbs Helge Schneider Udo Lindenberg parodieren durfte, womit wir wieder beim Thema Ernsthaftigkeit wären. Würde Prosieben das ganze nicht im Vorhinein so gewollt ernsthaft verkaufen, um auch interessante Künstler oder solche, die es einmal waren gewinnen zu können, könnte man den Free ESC als Spaßveranstaltung mit Alkoholkonsum ansehen.

Sich beißende Komponenten wie die wertige Inszenierung der Performances und die Ernsthaftigkeit der meisten Teilnehmer und der allseits bekannte Raabhumor sorgen jedoch für eine extrem inkonsistente Musikshow, die wie eine schlechte Parodie auf den Eurovision Song Contest wirkt. Vielleicht hat Raab auch genau das im Sinn, um seine Hassliebe zum Wettbewerb zu demonstrieren, die Zuschauer jedoch brauchen diese Form des Wettbewerbs nicht. Die Ridikülität des Wettbewerbs wurde erneut bei der Punktevergabe, die diesmal nach einem peinlichen Intervallact der Prinzen zusammen mit Eko Fresh und MoTrip folgte, demonstriert. Johnny Logan, ein Mann Jury für Irland sprach das „interesting“ in seinem Lob so aus, dass es keinen Linguisten braucht, um den Sarkasmus dahinter zu erkennen. Eko Fresh gab fünf Punkte an Spanien, einfach weil er nochmal nach Malle will und zwölf Punkte an das für Polen antretende Schlagerduo Lukas Podolski zuliebe. Als dann nach über einer Stunde Punktevergabe, unterbrochen durch zwei längere Werbestrecken, Rea Garvey und damit die langweiligste Wahl als Sieger feststand und Christina Stürmer nochmal betonte, wie gut sie Elif fand wurde die Zuschauer und Zuschauerinnen nach vier qüalenden Stunden entlassen, also jene die dran blieben, die Quoten waren nämlich katastrophal. Von daher sollte Prosieben, ob sie wirklich an den Gegensatz aus quatschiger Show und ernstgemeinten Musikacts festhalten wollen und dann können sie eigentlich nur den Bundesvision Song Contest wiederbeleben, dafür eignet sich das ganze wenigstens.

14 Kommentare zu „Was sollte das Herr Raab? – Der #FreeESC 2021

  1. Hab nur Helges Beitrag gesehen und fands natürlich fantastisch 😀
    Fände es auch großartig, wenn der Mist aufhört und der Bundesvision Song Contest zurück kommt. Kann aber auch nostalgische Verklärung sein, dass ich den sehr gut fand.

    Stellt sich nur eine Frage: Der Refrain von „The One“ ist ein Cover bzw ein Sample und komm einfach nicht drauf von was!!!

    Gefällt 1 Person

    1. Der BuviSoCo war schon gut, vielfältiges Musikprogramm und da war klar, dass das ne Spaßveranstaltung ist. Da passen dann auch die klischeehaften Clips auch irgendwie hinein.
      Helge hätte das gerne als Intervallsong aufführen sollen, als Wettbewerbssong hat es das ganze ad absurdum geführt. So wird Prosieben keine anderen Sender in Europa für das Konzept gewinnen, dafür gibt es eine zu gute Alternative, die besser ausbalanciert ist.
      Ich komme auch nicht darauf, von wo das herkommt

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      1. Ich erinnere mich noch an Jahrgänge mit Jupiter Jones, Kraftklub und Peter Fox – das ging schon klar auch wenn meistens die berühmtesten gewonnen haben

        Für Helge war der Song ja schon Mainstream 😁 wenn El Diablo ernst gemeint ist, dann geht das auch durch

        OK aber du weißt was ich meine 😅

        Gefällt 1 Person

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