Normalerweise schicke ich keine Präambel vor meinen Langkritiken voraus, dieses Mal erscheint es mir jedoch wichtig, denn zum einen habe ich in letzter Zeit kaum längere Filmbesprechungen geschrieben, zum anderen war ich mit den letzten auch im Nachhinein nicht zu hundert Prozent zufrieden, weswegen ich schon überlegt habe, das Format künftig nicht mehr zu bedienen. Diese Kritik ist also auch ein Versuch in den Flow zurückzufinden:

Inhalt

Danielle (Rachel Sennott) finanziert sich seit der Trennung von Maja (Molly Gordon) mithilfe von Sugar Daddys als sie auf einer Shiva (einer jüdischen Totengedenkfeier) eintrifft und dort nicht nur auf Maja, sondern auch auf den verheirateten Sugar Daddy Max trifft, deren Frau auch hinzustößt.

Meine Meinung zum Film

Manchmal reicht ganz wenig aus, um mein Interesse für einen Film zu wecken, bei „Shiva Baby“ haben die Tatsache, dass er recht gut bewertet wird sowie die Kurzinhaltsangabe ausgereicht, um ihn blind auf meine Watchlist zu setzen. Umso schneller habe ich das Mubi-Probeabo abgeschlossen, als ich erfahren habe, dass der Film dort noch vor einem eventuell immer noch angepeilten deutschen Kinostart zu sehen sein wird. Dieser Film sollte mich glücklicherweise nicht enttäuschen.

Bis auf die erste Szene ist „Shiva Baby“ ein Kammerspiel in einem ungewöhnlichen Setting oder kennt noch jemand einen Film der im Rahmen einer Shiva spielt? Die erste Szene, welche Danielles Lebensstil im Zusammenspiel mit einem Sugar Daddy zeigt ist elementar für das Verständnis der folgenden knapp 80 Minuten. Sobald der Film dann auf die Shiva umschwenkt zeigt sich, das Danielle eine Art Doppelleben führt, welches jederzeit zusammenzubrechen droht. Da fragt die Mutter noch am Parkplatz woher sie das teure Armband hätte, schließlich wohne sie ja noch zuhause. Ein geschicktes Beispiel, um Charakterexposition mit der Einführung eines Konflikts zu dominieren. Noch in der selben Szene wird dann Danielles Ex-Freundin Maya eingeführt, die Danielles Mutter direkt zu der Aussage hinreißen ließ, dass Danielle keine lustigen Spiele mit Maya veranstalten sollte. Schon bevor sich das komplette Konfliktpotenzial mit der Sichtung Maxs sowie ein paar Minuten später dem Eintreffen dessen Ehefrau komplett darstellt, spürt man die Anspannung, die auf Danielle permanent liegt. Neben den Erwartungen der Mutter, muss sie sich andauernd anhören, wie dünn sie doch sei, wenn sie nicht in der Nähe geglaubt wird, wird dann auch munter über eine Esstörung spekuliert. Unter anderem daran zeigt sich, wie unfassbar gut Regisseurin Emma Seligman (deren Langfilmdebüt der Streifen darstellt) das beklemmende Gefühl einer toxischen Zusammenkunft einfängt. Mithilfe klaustrophobischer Mittel, wie die Kamera, die ganz oft nah an Danielle dran ist und nur für ausgewählte Momente vom Konzept abweicht, wird der Druck, den Danielle permanent empfindet auf prägnante Art und Weise eingefangen. Dazu passend entscheidet sich Seligman bei der Filmmusik zu Streichern, die man eher in einem Horrorfilm erwarten würde. Die Wirkung ist famos, viel zu oft wird man das Gefühl nicht los, dass jede Gesprächssituation jede Beobachtung der blanke Horror für unsere Hauptfigur ist.

Erschwerend hinzu kommen brillant geschriebene Dialoge (essenziell für das Gelingen eines gelungenen Kammerspiels) sowie ein gut dosierter, pointiert eingesetzter Humor, welcher oft dunkel ist, ebenso oft grotesk ist und oft genug beides kombiniert. Dennoch hat man lange das Gefühl, dass das für unsere fehlerbehaftete Protagonistin nicht gut ausgehen kann. Just nachdem sie sich in all den Irrungen und Wirrungen, die sich in kürzester Zeit auf sie entladen, wieder an Maya annähern konnte, gegen den Widerstand ihrer Mutter wohlbemerkt, entdeckt Maya ihr Handy und erfährt von Danielles Affären. Spätestens hier ist die Spannungskurve dieses Films besser als jene der meisten konventionellen Thriller. Die größte Leistung allerdings ist es, dass die moralisch befleckte Protagonistin Danielle eindeutig zur Sympathieträgerin heranwächst. Wie ihre Drucksituation den Zusehenden mitnimmt, wie die Entscheidungen, die sie in kürzester Zeit treffen muss uns ebenso mitnimmt wie sie, wie wir bis zum Schluss hoffen, dass sie sich irgendwie herauswinden kann ohne größeren Schaden zu nehmen, gibt „Shiva Baby“ den letzten Schuss Empathie (obwohl das gezeichnete Milieu sehr speziell erscheint) und Spannung, um zu einem besonderen Filmerlebnis zu werden. In einer Sequenz kurz vor Schluss musste ich vor lauter Anspannung von meinem Stuhl aufstehen.

Die größtenteils unbekannten Darsteller – so wirklich kannte ich vorher nur Dianna Agron aus „Glee“, welche hier Max Ehefrau Kim porträtiert und Molly Gordon hat die zweite Hauptrolle im Melissa McCarthy Vehikel „Life of the Party“ und eine Nebenrolle in „Booksmart“ gespielt – machen einen famosen Job. Besonders herausstechend sind die beiden Jungdarstellerinnen Gordon und Rachel Sennott (welche für den Nachfolgefilm der Regisseurin schon bestätigt ist), die voller Elan die gleichzeitig spürbare Unsicherheit ihrer Rollen präsentieren sowie eine glaubwürdige Chemie zwischeneinander haben, sodass man doch auf eine Wendung im Beziehungshickhack der beiden hofft.

Fazit

Spannend wie ein Thriller, lustig wie eine gute Komödie, einfühlsam mit der Protagonisten: Emma Seligman gelingt mit „Shiva Baby“ ein Brett von einem Regiedebüt. 9/10

Daten & Fakten

Regie: Emma Seligman

Darsteller: Rachel Sennott, Molly Gordon, Polly Draper, Donny Deferrari, Dianna Agron, Fred Melamed

Produktionsland: USA, Kanada

Länge: 78 Minuten

Genre: Kammerspiel, Schwarze Komödie

Gesehen am 12.06.2021 auf Mubi Deutschland in der OmdU

6 Kommentare zu „Shiva Baby

  1. Zustimmung von meiner Seite. Obwohl ich sagen muss, dass er mich auf der Spannungsebene nicht so wirklich greifen konnte, dafür aber voll auf Charakter- und Comedy-Ebene.
    Fand auch das anschließende Q&A mit der Regisseurin wahnsinnig interessant – sowas sollte es öfter geben, nicht nur bei Mubi.

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  2. Der steht auch schon länger auf meiner Liste, ich mag generell Filme/Serien, die in der jüdischen Community spielen. Ich hatte vorher schon gehört, dass einige unangenehme Situationen so lebensnah dargestellt sind, dass man sich als Zuschauer mit unwohl fühlt. Ja, muss ich unbedingt gucken.

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    1. Definitv, auch weil sie so universall zu verstehen sind, wenn dann über das Aussehen geurteilt wird oder die Mutter dem Liebesleben der Tochter einen Riegel vorschreiben will. Es hat was von einer unangenehmen Familienfeier und inszenatorisch sehr gut gelöst. Der wird dir sicher auch gefallen

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