Musik ist manchmal eine ungerechte Sache. Kurt Cobain konnte mit „Smells Like Teen Spirit“ einen furios gefeierten Hit für Nirvana erzielen, obwohl der Song nichts anderes als eine Mixtur aus längst bekannten Stilmitteln. So gab Cobain zu die Laut-Leise Dynamik der Pixies übernommen zu haben und später gab Nirvana auch zu besonders vom Riff des Boston Songs „More Than A Feeling“ inspiriert worden zu sein. Auch wenn es kleine Unterschiede bei den genutzten Akkorden gibt, lässt sich die Ähnlichkeit nicht von der Hand weisen. Wer dies anzweifelt, dem empfehle ich den Pre-Chrous und den Refrain der beiden Songs direkt hintereinander abzuspielen. Doch während mich das zynisch-wütende „Smells Like Teen Spirit“ nie zu hundert Prozent erreichen kann, nimmt mich das liebevoll-euphorische „More Than A Feeling“ jedes Mal aufs neue zu hundert Prozent mit.

Im Grunde genommen ist Boston (anders als die ganzen anderen Rockbands, die sich nach Orten benannt haben) keine klassische Rockband, sondern viel mehr das Musikprojekt des Multi-Instrumentalisten Tom Scholz in Zusammenarbeit mit Sänger Brad Delp. Hinzu kamen diverse Musiker, die vorwiegend LIVE zum Einsatz kommen, denn jedes Mal wenn Scholz statt des vorgesehenen Instumentalisten auf der Aufnahme ist, gab es einen Karrieresprung. Ähnliches gilt auch für die Debütsingle „More Than A Feeling“, die kurz nach dem Zustandekommen des Majorplattenvertrags aufgenommen worden ist. Während die Demosongs mit der eilig zusammengestellten Band (die Plattenfirma hatte wohl Angst, dass sich Scholz übernimmt) nahezu einhellig abgelehnt worden, fanden fast alle Songs den Weg aufs Album, wo Scholz alle Instrumente bedient. Einzige Ausnahme bei „More Than A Feeling“ ist das Schlagzeug, welches von Sib Hashian gespielt worden ist.

Angetrieben von der Vorabsingle wurde das schlicht betitelte „Boston“ Debütalbum zum bis heute erfolgreichsten Debütalbum einer Band in den USA mit 17 Millionen verkauften Einheiten. Der Song erreichte Goldstatus, was vor allem auf den hymnischen Charakter zurückgeht. So baut sich „More Than A Feeling“ äußerst clever auf, um im Refrain das monumentale Riff zu bieten, garniert mit Tom Delps leidenschaftlich-euphorischen Gesang, der einen Text wiedergibt, der die aufbauende Wirkung von Musik meint, aber auch als Vision für eine (verlorene) Liebe gelten kann. Daneben ist auch hier das Spiel mit der Sättigungsverstärkung, die den röhrigen Klang verstärkt schon ausgereizt und auch der Einsatz klassischer Tasteninstrumente zahlt sich ebenso aus, wie das spiererische Arrangement, das den Song kürzer wirken lässt als er ist.

Leider muss man sagen, dass trotz großen Erfolg vor allem in den USA Boston nie wieder die Klasse ihres Debüts erreichen konnten. Brad Delp verließ Boston 1990, kehrte 1994 jedoch zurück und blieb Sänger bis zu seinem Suizid im Jahre 2007. Scholz arbeitete jedoch fernab der großen Erfolge weiter unter dem Namen Boston, das hymnische „More Than A Feeling“ wird jedoch bleiben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s