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Arkansas in den 1980ern: Familienoberhaupt Jacob (Steven Yeun) zieht mit seiner Frau Monica und seinen Kindern David und Anne auf ein verlassenes Stück Land. Jacob versucht als Farmer wohlhabend zu werden, während Monicas Mutter aus Südkorea zu der Familie zieht…

Meine Meinung zum Film

Manches Mal sitze ich irritiert im gemütlichen Kinosessel und frage mich am Ende einer Vorstellung, wie die Rezeption über einen Film ist. „Minari“ (der alliterationsgeschwängerte Beititel ist wohl für jene gedacht, die die Metapher hinter dem Originaltitel nicht erfassen) wird oft als Feel Good Film gepriesen, ein wenig wie jene Filme, die es geschafft haben, optimistisch zu enden, obwohl die Protagonisten schwere Schicksalsschläge oder Herausforderungen zu überwinden haben bzw, hatten. Paradebeispiele der 1990er für solche Filme sind „Die Verurteilten“ und „Forrest Gump“, erst vor zwei Jahren gewann der kontrovers diskutierte „Green Book„, der genauso angelegt war und sich an der Rassismusproblematik verhebt, den Oscar für den besten Film. „Minari“ passt jedoch nicht ganz in diese Kategorie Film, zumindest meiner Meinung nach.

Dafür ist zumindest das Ende, das tonal so gar nicht zum oben beschriebenen passt, zu drastisch ist jenes und auch im Verlauf der Handlung sind immer wieder Momente, die nicht zu der Besprechung des Streifens passen. Wenn ich mit Jacob weniger kritisch umgehe, hat mich sein Verhalten an den 1980er Filmklassiker „Feld der Träume“ (auch einer der Filme auf die dieses Feel-Good Gen zutrifft) erinnern lassen, wo der Protagonist auch etwas verrückt wirkendes tut und daran fast seine Familie zerbricht. Wenn ich einen kritischeren Blick auf den sturen Charakter Jacob werfe, kommt mir (vielleicht auch, weil ich den Film erst eine Woche vorher gesehen habe) „The Nest“ in den Sinn, wo der männliche Hauptcharakter seine Familie zu einem Umzug nach England zwingt und damit das Familiengefüge bedroht. Genauso handelt auch Jacob und immer wieder lässt seine Frau Monica anklingen, dass sie an seinen Entscheidungen zweifelt. Man merkt vielleicht, dass ich irritiert bin darüber wie gut der Film ankommt. Die finalen zwanzig Minuten sind vollkommen plump geschrieben, um ein Ende hinzubiegen, dass die logische Entwicklung des Streifens umbiegt, zugunsten eines halbwegs angenehmen Endes. Der Zugang zu dem Ehepaar fällt schwer, beide agieren verschlossen und immer wieder entstehen Streitigkeiten, die eine noch drastischere Ehekrise zur Folge haben müssten.

Der Einstieg in den Film ist auch ein wenig zäh, auch wenn er durch die wunderschönen Bilder und den verträumten Score erleichtert wird. Nach einer halben Stunde betritt dann endlich die Großmutter aus Südkorea den Film. Im (US-)Sport gibt es gerne die Individualauszeichnung des MVP (Most Valuable Player) in Mannschaftssportarten, in „Minari“ ist dies eindeutig Jeo-Joong Yeon als Oma Soon-Ya. Besonders die Kabbeleien zwischen ihr und dem kleinen David sind erfrischend und amüsant. Soon-Ya ist in vielen Dingen das Gegenteil einer üblichen Oma, sie flucht, sie bringt den Kindern Glücksspiel bei und kann nicht backen und jede Szene mit ihr macht diesen Film besser, dann trifft auch die Feel-Good Bezeichnung zu, zumindest bis zum verkorksten Finale des Films, das auch ihren Charakter betrifft. Ob diese Leistung jedoch eine ist, die die ganzen Preise verdient hat, wage ich zu bezweifeln, auch wenn es gerade in Bezug auf die kulturellen Unterschiede akkurat ist. Diese akkuraten Details (zum Beispiel die Tatsache, dass die Oma NIE auf Stühlen, sondern in einer Hocke sitzt) färben die an sich universelle Geschichte ein wenig in den kulturellen Kontext ein, was den Film ein bisschen besser macht und erzählerische Schwächen ein wenig ausgleicht.

Dennoch, obwohl die Geschichte im Grunde von jedem, der eine neue Heimat aufsucht und einen Weg zum Erfolg sucht, handeln könnte, viel mir der Zugang zu dieser Geschichte schwer. Interessant empfand ich auch wie der koreanisch-stämmige Regisseur und Drehbuchautor Lee Isaac Chung, der mit dem Film Kindheitserinnerungen verarbeitet, nicht der Versuchung erlegen ist, einen Rassismuskommentar abzugeben, die US-Amerikaner, die gezeigt werden zeigen sich jedoch aufgeschlossen, im Fall vom Will Patton verkörperten Paul sogar herzlich gegenüber der Familie. Mehr noch legt dieser Streifen offen, wie abfällig teilweise über die Amerikaner seitens der Familie geurteilt wird (fett, dumm etc.) und somit der Culture Clash Mal anders betrachtet wird. Dennoch hat man immer das Gefühl, dass Jacob wie die Amerikaner sein will (die rote Kappe wirkt als Symbol dafür) bzw. zumindest die, die vom Kapitalismus profitieren. Aus diesem inneren Konflikt macht der Film jedoch zu wenig, sodass die Charakterentwicklung unbefriedigend ist, was nach einem starken Mittelteil stärker nachwirkt.

Fazit

So ganz kann ich das Gewese um „Minari“ nicht nachvollziehen, gute Ansätze werden am Ende versenkt und tonal schwankt diese Geschichte auch sehr stark, auch wenn nicht nur audiovisuelle Stärken ausgespielt werden, die den Streifen dennoch sehenswert machen. 6/10

Daten & Fakten

Regie & Drehbuch: Lee Isaac Chang

Genre: Drama

Länge: 115 Minuten

Darsteller: Steven Yeun, Ye-Ri Han, Jeo-Joong Yeon, Will Patton um

Produktionsland: USA

Gesehen am 16.7.2021 im Apollo Kino Aachen

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