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Berlin 1931: Der Germanist Jacob Fabian (Tom Schilling) arbeitet bei einer Zigarettenfirma in der Werbeabteilung. Inmitten des lüsternen Berlins trifft er auf die angehende Schauspielerin Cornelia (Saskia Rosendahl), mit der er eine Beziehung anfängt, während sein alter Studienfreund Stefan Labude (Albrecht Schuch) versucht ihn für den Kampf für den Sozialismus zu gewinnen…

Meine Meinung zum Film

Dominik Graf ist einer der wenigen wirklich spannenden Filmemacher in Deutschland. Verantwortlich für die Regie in ein paar der wenigen sehenswerten Tatortfolgen (z.B. Frau Bu lacht) und für das „Heavens Gate des Öffentlich-Rechtlichen“ (die Mafiaserie „Im Angesicht des Verbrechens“) hat sich Graf nun dem Kästnerroman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ angenommen und seiner Verfilmung den von Kästner gewollten Titel gegeben. Graf zieht seinen Ansatz, dass eine Literaturverfilmung ähnlich lang sein muss, wie das Lesen der Vorlage hier gnadenlos durch.

Besonders in der ersten Stunde ist „Fabian“ dabei ein berauschender Film voller Experimentierfreude an stilistischen Mitteln, die zwar nicht alle ins schwarze Treffen, aber alle mutig genug sind, um sie zu respektieren und sich an der Summe zu berauschen. Wie Graf uns ins Sodom und Gamorra des Berlins gegen Ende der Weimarer Republik hineinzieht, beweist jene Sogwirkung, die es braucht, um die folgenden zwei Stunden zu rechtfertigen. Die damalige Zeit spielt zu jeder Zeit ohne sich zu sehr in den Mittelpukt zu drängen, stattdessen fokussieren wir sich auf Fabian und die wichtigsten Menschen in seiner Wahlheimat. Wie dieser Jacob Fabian auf der einen Seite moralisch handelt, wenn er selbst arbeitslos geworden einen Obdachlosen in ein Restaurant einlädt, um auf der anderen Seite so seltsam unpolitisch in einer hochpolitischen Zeit zu sein, lässt sich auch als Kommentar auf die heutige Zeit lesen. Dieser von Tom Schilling präzise verkörperte Jacob Fabian wirkt auf der einen Seite hochintelligent, reflektierend und dann doch so durch die Zeit stolpernd, dem Vergnügen zu sehr lüsternd, auf der Suche nach der eigenen Zukunft. Wenn man Schilling etwas vorwerfen möchte, dann dass er hier seine Paraderolle wiederbelebt, andererseits wollte Graf den Film nur mit Schilling in der Hauptrolle machen. Ähnlich verhält es sich mit Albrecht Schuch als Champagnersozialist Labude. Man spürt das Herz am richtigen Fleck, ist aber hochgradig irritiert von diesem Charakter aus reichem Hause mit dem labilen Selbstbewusstsein. Die Vermittlung dieses Charakters gelingt Schuch und doch hat man das Gefühl, dass seine preisprämierten Rollen in „Systemsprenger“ und „Berlin Alexanderplatz“ noch einmal stärker waren. So sind die Schauspielerstandouts andere: Zum einen die einnehmende Saskia Rosendahl als Cornelia. Als Zuschauer versteht man obgleich ihrer Präsenz sofort, wie sich Fabian Hals über Kopf in sie verliebt. Die Mischung aus unerschütterlichem Selbstbewusstsein und der Herzlichkeit gegenüber Jacob lässt ihre Charakterentwicklung, so logisch sie aus ihrem Schauspielstreben erscheint, uns gegenüber erschaudern. Dabei hat sie die besten Szenen, wie ihr sensationell eingefangener Vorsprechensmonolog, in dem Graf jene Energie wieder einfließen lässt, die den Auftakt des Films prägt. Daneben fällt in seinen wenigen Szenen Michael Wittenborn als Labudes Vater, der lüstern seinem Leben frönt und seinen Sohn aus den Augen verliert, schauspielerisch äußerst positiv auf, weil er mit seiner jovialen Art den Gegenpol zu seinem lamoyant wirkenden Sohn abbildet.

Natürlich lässt sich bei einem Dreistundenfilm, der lange fransend, zerfasernd erzählt wird, die Frage nach den Längen auf. Im Gegensatz zu anderen deutschen Mammutprojekten jüngerer Zeit lassen sich diese jedoch gut verkraften, mit so viel Esprit wird hier das Berlin der Dreißiger in Szene gesetzt, der Kern der tragischen tragischen Liebesgeschichte greifbar gemacht, das Entgleisein Fabian und Labudes vorbereitet, um dann das, Kritiker werden sagen typisch deutsche, Ende vorzubereiten. Die Art und Weise, wie dieses aufgebaut und ausgeführt wird, lässt einem jedoch nicht kalt, nachdem das zweite Drittel ein bisschen zu sehr ausfasert. Das größste Lob jedoch ist die Tatsache, dass der Film im Nachhinein wesentlich weniger langatmig wirkt, als bei der Sichtung. Die großartigen Szenen in den Bars, jene Sequenzen zwischen Fabian und Cornelia, der Mut auch Mal banal in den Dialogen (dafür aber realistisch) zu werden, die Möglichkeit das ganze weiter zu interpretieren sind Argumente für dieses mutige Mammutwerk, um sich berauschen zu lassen und je länger meine Sichtung zurückliegt, desto sicherer bin ich, dass ich das ganze noch einmal erleben will, der sperrigen, teilweise auch misslungenen Stellen zum Trotz.

Fazit

Mutig, einnehmend, stark gespielt mit einer sensationellen Regieleistung gesegnet ist „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ der deutsche Film aus dem Jahr 2021, den man unbedingt sehen sollte. 8/10

Daten & Fakten

Regie: Dominik Graf

Drehbuch: Dominik Graf, Constantin Lieb

Darsteller: Tom Schilling, Saskia Rosendahl, Albrecht Schuch, Michael Wittenborn, Meret Becker um

Genre: Drama, Literaturverfilmung

Länge: 186 Minuten

Gesehen am 13.08. im Apollo Aachen

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