Inhalt

Bill Baker (Matt Damon) aus Stillwater reißt regelmäßig nach Marseille, um seine Tochter Allison (Abigail Breslin) , die dort für den Mord an deren Freundin verurteilt worden ist, zu besuchen. Als sie eine neue Spur wittert und Ihre Anwältin nichts unternimmt, entschließt Bill eigenständig zu recherchieren mithilfe seiner Zufallsbekanntschaft Virgine (Camille Cottin). Dabei beginnt Bill seinen Blick auf die Welt zu verhindern.

Meine Meinung zum Film

Tom McCarthy ist einer dieser Regisseure, die ich nicht greifen kann. Neben den famosen „Spotlight“ hat der bisher Filme gedreht, die nicht beachtet werden und deutlch leichter wirken. Nun ist „Stillwater“ (benannt nach dem realen Ort in Minnesota, aus dem Bill stammt) ein deutlich schwererer Stoff, der aus einer Thematik, bei der man einen reißerischen Actionthriller erwartet, einen der Komplexität angemessenen Film macht, der Thrillerelemente in ein Charakterdrama einwebt.

Dabei kann sich McCarthy auf Matt Damon verlassen, der hier weit entfernt vom typischen Rollenschema als intelligenter, redseliger Sympathieträger agiert. Damon spielt Bill Baker als jenen abgehängten Landmenschen, der symptomatisch für die Wählerschaft Trumps steht (auch wenn Bill in einer Szene sagt, er hat ihn nicht gewählt, weil er als Vorbestrafter nicht wählen durfte) und ihre Gefühle nicht zeigen wollen. Damon spielt mit subtilen Mimiken, um den Zuschauer ein Gefühl zu geben, was in Bill vorgeht. Passend dazu wird Bill Baker auch eingekleidet, das Holzfällerhemd in Kombination mit dem Rucksack, den er immer trägt, lässt Ihn gerade in der französischen Stadt als Amerikaner erkennen und herausstechen. Während zunächst von Ihm einzig und allein das Ziel verfolgt wird, seine Tochter aus dem Gefängnis zu holen, was in einer wunderbaren Szene gipfelt, in der Bill seiner Bekanntschaft und Dolmetscherin Camille streiten. Wie sich die beiden unterschiedlichen Charaktere, hier der proletarische Amerikaner, dort die französische Kulturliebhaberin trotz all Ihrer Unterschiede langsam annähern, wird von McCarthy glaubhaft im angemessenen Tempo präsentiert. Darüber wird langsam die zweite Handlungsebene aufgemacht, Bills Versuch sich an die französische Kultur zu assimilieren, die sich im weiteren Verlauf mit dem Versuch Allison aus dem Gefängnis zu bringen, um die Hoheit im Film streitet, in Parallelität dazu, wie sich beide Ebenen um Bills Gunst streiten. Dieser aufkommende innere Konflikt Bills baut sich ebenso behutsam auf, wie er dann ausgespielt wird. Es ist erstaunlich mit welcher Geduld McCarthy mit den grundliegenden Thematiken dieses Films spielt, wie er sie aufbaut, wie er die Entwicklungen voranschreiten lässt und wie er den Mut hat seinen Protagonisten als Antihelden zu präsentieren, der mit seiner eigenen Entwicklung zeitweise überfordert wirkt. Dabei braucht McCarthy wenig filmische Mittel, oft nutzt er statische Einstellungen (die dank der Kameraarbeit von Masnobu Takanagi ebenso gut wie in „Spotlight“ funktionieren) und vertraut auf seine Darsteller, um die Spannung durchgänig aufrechtzuerhalten. Jede Szene dient dem Fortlauf der Geschichte oder dem Fortlauf der Charakterentwicklung, oftmals wird sogar beides bedient. Neben Damon überzeugt auch die Französin Camille Cottin als Virgine, die oft klug und weitsichtig wirkt, ohne jedoch im Gegensatz zu Bill fehlerfrei agieren zu müssen.

Je länger der Film voranschreitet, desto mehr wünscht man Bill, dass er den inneren Frieden, den er langsam zu erreichen scheint, dann auch findet, weswegen die emotionale Involvierung über die gesamte Laufzeit wunderbar funktioniert. Auch, weil der Film sich dazu entschließt die ganze Zeit bei Bill zu bleiben und Allison nur zu zeigen, wenn Bill sie sieht, verstehen wir Bill umso mehr, denn Allison lässt hin und wieder durchblicken, dass sie Ihrem Vater ähnlicher ist als sie vielleicht zugeben möchte. Die Beziehung zwischen Bill und Allison wird dabei immer als dysfunktional gezeigt, doch während Allison sich dem bewusst scheint, versucht Bill dies zu verdrängen und jetzt die Fehler, die er in der Erziehung gemacht hat, mit allen Mitteln wiedergutzumachen. Auch hier lässt Bill langsam eine Entwicklung zu, auch wenn er einen Rückfall erleidet. Durch die hohe emotonale Intelligenz des Films, lassen sich auch die lange Laufzeit von 140 Minuten verkraften, vor allem, weil die Szenen sowohl einzeln als auch in der Filmdramaturgie funktionieren. Dabei wirkt „Stillwater“ weit weniger wie ein amerikanischer Film, der in Marseille spielt, sondern wie ein europäischer Film mit einem amerikanischen Hauptdarsteller. Wenn dann im letzten Drittel sich die Dinge überschlagen, dann werden einige aussteigen, auch weil dort Dinge geschehen, die der Entwicklung widersprechen, aber auch hier beweist McCarthy Umsicht und gibt eine vielschichtige Antwort auf die Frage, wie Bill hätte agieren sollen, was sich in einem unscheinbar wirkenden, aber wuchtigen Abschlussdialog vollkommen auszahlt.

Fazit

Ein Film voller Umsicht, der behutsam eine Charakterentwicklung mit Hindernissen zeigt. „Stillwater“ ist ein famoser Film über eine verkorkste Eltern-Kind Beziehung sowie den Umgang des Elternteils, getragen von Matt Damon, der eine seiner besten Karriereleistungen zeigt. 9/10

Daten & Fakten

Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Thomas Bidegain, Noe Debre, Marcus Hinchey, Tom McCarthy

Länge: 140 Minuten

Genre: Drama, Thriller

Darsteller: Matt Damon, Camille Cottin, Abigail Breslin uvm

Gesehen am 09.09.2021 im Cineplex Aachen

2 Kommentare zu „Stillwater – Gegen Jeden Verdacht

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