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Der Stand-Up Comedian Harry (Adam Driver) und die Opernsängerin Ann (Marion Cotillard) verlieben sich ineinander und bekommen eine gemeinsame Tochter. Doch während Anns Karriere auch nach der Geburt von Annette erfolgreich verläuft, beginnt Harrys Stern zu fallen.

Meine Meinung zum Film

„Annette“ ist ein besonderer Film. Wer im Gegensatz zu mir schon einen Film des französischen Filmemachers Leos Carax gesehen hat, wird das schon im Vorhinein erahnt haben. Für seinen ersten englischsprachigen Film konnte Carax Marion Cotillard und Adam Driver gewinnen und ein von den Sparks Brothers geschriebenen Film, mit denen er zusammen das Drehbuch überarbeitet hat, inszenieren. Heraus kommt ein Film der sich am besten als Anti-Musical oder gar als Musicalsatire bezeichnen lässt. Das beginnt schon mit der Tatsache, dass hier der Effekt, dass Musicaleinlagen das Fortschreiten der Handlung verlangsamen, absichtlich übersteigert wird und sämtliche Songs sich als Expositon lesen lassen. Das beginnt schon mit dem einprägsamen Auftaktsong „So May We Start“, der Metamäßig im Tonstudio beginnt und beschreibt, dass man den Film beginnen lassen solle. Carax sitzt am Regler, die Sparks Brüder samt Band im Aufnahmeset und der Song startet. Das Ensemble verlässt den Raum und die drei wichtigsten Darsteller stoßen hinzu und stimmen mit ein. Nach ausgiebiger Recherche konnte ich feststellen, dass diese Szene zumindest im Außenbereich in Bonn gedreht worden ist. „Annette“ hatte insgesamt 14 Drehtage in NRW und wurde von der Filmstiftung NRW gefördert, weswegen der Streifen beim Festival in Köln in der Reihe Made in NRW geführt worden ist.

Schon der Einstieg zeigt die Vision hinter diesem Projekt aus einem Heile-Welt-Genre einen immer stärker werdenden Fiebertraum des menschlichen Abgrunds herauszuholen. Dabei verzettelt sich Leos Carax jedoch in einigen Punkten. So weißt der Film einige Längen auf, vor allem, wenn nicht Exposition in liedesken Zeilen runtergerattert wird. Manchmal im Laufe der Sichtung des Films hätte ich mir gewünscht, der Film würde vollends gesungen werden. Dazu gibt es einige Einspieler, die den Film im Sehfluss stören. Aus dem reinen visuellen Design heraus zu urteilen, könnte der Film zu jeder Zeit spielen, jedoch zwängen arbiträr wirkende Gossip-Einspieler, die den Beziehungsstatus von Ann und Harry kommentieren, wie ein Gimmick, das fehl am Platz wirkt und den zeitlosen Stoff und Stil in der Gegenwart festzerrt. Auch an anderer Stelle macht „Annette“ keine Gefangenen, so wird das Baby über weite Strecken als Holzpuppe gezeigt, anstatt wie üblich Filmbabys zu casten. Natürlich könnte man anmerken, dass das dem Realismus schade, aber einem Musical fehlenden Realismus zu unterstellen, ist grober Unfug. Besonders die Interaktionen Cotillards, Drivers und Helbergs mit der Holzpuppenannette lassen auch den Zuschauer das Holzbaby annehmen. Womit wir bei einem weiteren Pluspunkt wären, die Schauspielleistungen sind exzellent. Marion Cotillard darf dabei noch an wenigsten zeigen, ist aber vor allem, wenn man sie auf der Opernbühne sieht voller einnehmender Sogkraft, Simon Helbergs Rolle ist jene, die dem Zuschauer am wenigsten nahe geht und doch nimmt er genügend Präsenz ein, um seine Sicht der Dinge darzulegen und Adam Driver ist (wie eigentlich immer) wahnsinnig gut. Voller Kraft, mit einer unnachahmlichen Präsenz okkupiert er den Film für seine Schauspielshow. Passend zum Musical leicht im Overactingmodus feuert Driver ein Feuerwerk an Emotionen und Impressionen ab, wodurch sein Charakter für den Zuschauer lange Zeit der Ankerpunkt ist und man über die zu sehr vor sich her dümpelnde erste Hälfte hinwegsehen kann, bis zu dem Punkt in dem „Annette“ aus dem Musicalkorsett endgültig ausbricht und das Charakterdrama des Stand-Up Comedians Harry nicht nur angedeutet, sondern auch umgesetzt wird. Die Szenerie auf dem Schiff, welches für das Postermotiv genutzt worden ist, erinnert an einen bekannten Vorfall, der Hollywood erschüttert hat und lässt den Film in einem ganz anderen Licht erscheinen. Umso besser wirkt Drivers Schauspielleistung, die diesen Charakter, der sein Glück wissentlich zerstört, umfassend darstellt.

In der Folge sucht der Stand-Up Comedian nach einer neuen Einnahmequelle und findet sie ausgerechnet in der Tochter. Hier spielt Carax mit dem Kinderstarphänomen und kritisiert es durch die latente satirische Überhöhung des Films umso drastischer, bevor es zu einem unversöhnlichen, passenden Ende kommt, wo Annette das erste Mal von einem jungen Mädchen gespielt wird. „Annette“ wird mit zunehmender Laufzeit zu einem immer bitteren Film, der in dieser brillanten Abschlussszene mündet.

Fazit

Sicher nicht für jemanden, aber Leos Caraxs Antimusical nach Musik der Sparks entwickelt sich zu einem packenden Charakterdrama, getragen von einem überragenden Adam Driver. Leider häufen sich besonders in der ersten Hälfte die Schönheitsfehler. 8/10

Daten & Fakten

Regie: Leos Carax

Drehbuch: Leos Carax, Ron Mael, Russell Mael

Länge: 140 Minuten

Darsteller: Adam Driver, Marion Cotillard, Simon Helberg uvm

Genre: Musical, Drama, Thriller, Satire

Gesehen am 22.10.2021 auf dem Film Festival Cologne in der OmdU-Fassung

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