Gegen Ende des Jahres kommt wie inzwischen üblich die Zeit, in der Netflix neben reinen Contentfilmen, die wie die moderne Version von Direct to DVD Filmen wirken, auch Filme mit ernsthaften Ansichten veröffentlicht. Netflix mischt ja seit Jahren das Oscarrennen auf, nimmt renommierte Regisseure für deren Traumprojekte unter Vertrag und kauft Festivallieblinge ein. Drei Filme, die mehr oder weniger in diese Kategorie fallen, habe ich mir in den letzten Tagen auf Netflix in der Originalfassung mit Untertiteln angesehen.

tick, tick…Boom!

Im Regiedebüt des omnipräsenten Lin-Manuel Miranda wird das Broadwaydebüt des früh verstorbenen Komponisten Jonathan Larson verfilmt. Der Clou am Stück, es ist eine Aufarbeitung der Jahre des ewigen Zweifelns und dem Versuch ein vsionäres Broadwaystück zu schreiben. Damals am Broadway hat Larson selbst das Stück als Ein-Mann Stück aufgeführt, inzwischen wird es als drei Personen Stück aufgeführt. Die Verfilmung vermischt das Stück mit den Ereignissen auf dem das Stück beruht.

Auch wenn Andrew Garfield als Jonathan Larson wahrlich brilliert (Er ist vollkommen zurecht aktuell auf vielen Zetteln für eine Oscar-Nominierung als Bester Hauptdarsteller) und den Zuschauer einzunehmen weiß, hat mich diese Mixtur lange vom Film ferngehalten. Miranda probiert bei seinem Filmdebüt viel aus, jedoch trifft nicht jede inszenatorische Entscheidung die gewünschte Wirkung. Die Mixtur aus Ein-Mann Theaterstück und Biopic geht weniger Hand in Hand als die gemeinsam zugrunde liegende Handlung vermuten lässt. Die Songs von Larson werden gut eingearbeitet, man spürt sofort das Talent Larsons, das wahrscheinlich noch viele weitere Musicals hätte hervorbringen können. Wenn gesellschaftskritische Töne angeschlagen werden, ist das ein bisschen zu pathetisch, auch wenn Robin de Jesus als Larsons homosexueller bester Freund, der an AIDS erkrankt nicht nur in der Tränenzieherszene gut spielt. Wenn sich Larsons persönliches Schicksal weiter verdichtet, seine Voraufführung für sein visionäres Musical ansteht, seine Freundin währenddessen mit ihm Schluss macht und sein bester Freund es nicht schafft ihm von seiner Krankheit zu erzählen, schwingt sich „tick, tick…Boom!“ für kurze Zeit zu einem sehr starken Film auf. Leider fällt dadurch aber auch die Mittelmäßigkeit der ersten Hälfte besonders auf. 6/10

Seitenwechsel (Passing)

Rebeccas Halls Regiedebüt über zwei afroamerikanische Frauen (Ruth Negga & Tessa Thompson), die beide als weiße in der Gesellschaft im USA der 1920er durchgehen könnte, hat eine interessante Ausgangslage. Was passiert, wenn jemand die eigenen Wurzeln verleugnet, um nicht diskriminiert zu werden? Hall macht daraus einen überaus bräsigen Film, der anderthalb Stunden vor sich her meandert. Ehrlich gesagt, habe ich überhaupt keinen blassen Schimmer, was Hall erzählen wollte. Im Film wird viel geredet und wenig bis gar nichts ausgesagt. Das Schwarz-Weiß wirkt wie ein reines Gimmick, um die Prämisse nicht zu konterkarieren. Obwohl Ruth Negga und Tessa Thompson sich wahrlich Mühe geben, können sie diesen Film nicht wirklich retten. 4/10

The Power of the Dog

Jane Campions neuer Film gilt aktuell als einer der großen Favoriten für die Awards Season und nachdem ich den Film gesehen habe, verstehe ich warum. Campions Film, der aufgrund seines Settings in Montana der 1920er am ehesten dem Spätwestern zuzuordnen ist, ist ein komplexes Charakterdrama, welches oft mit wohltuend wenig Worten auskommt.

Campion schafft es rund um die Hauptfigur Phil eine große Anspannung zu erzeugen. Auf der einen Seite ist Phil ein gewiefter, kulturell gebildeter Mann, auf der anderen Seite ist er ein grober Macho, der keinerlei manieren zu haben scheint. Emotional lässt er niemanden, selbst seinen Bruder (Jesse Plemons) mit dem er eine Pferderanch hat, an sich heran. Zu jeder Zeit könnte er seinen inneren Zorn freien Lauf lassen. Benedict Cumberbatch, der in den letzten Jahren sich im gepflegten Kultursnob als Paraderolle gemütlich gemacht hat, zeigt hier eine rustikale, einnehmende Performance. Cumberbatch schafft es eine andere Art Charisma als gewohnt aufzubauen, oft reicht ein Blick, um einen kurzen Blick in die Machofassade zu erhaschen, wenn er spricht, klingt er komplett anders als sonst. Zusammen mit den längeren Haaren hat er mich damit ein wenig an Matthew McConaughey erinnert. Ebenso gut wie Cumberbatch ist Kirsten Dunst. Bisher war ich kein Fan von Kirsten Dunst, hier ist sie jedoch überragend. Dunst spielt die Ehefrau von Phils Bruder George, ihre Rose ist zu Beginn eine strebsame, kluge Frau, die sich von George charmanter Art überzeugen lässt. Phil lässt ihr keine Ruhe und wodurch sie langsam aber sicher dem Alkohol verfällt und ihre physische und psychische Verfassung immer weiter abnimmt. Währenddessen lässt sich ihr hagerer, im Westernumfeld feminin wirkender Sohn Peter von Phils Charisma einwickeln. Kodi Smit-McPhee verkörpert die ihm zugedachte Rolle viel besser als ich vor der Sichtung gedacht hätte. Für mich ist er das zerrissene Herzstück des Films. Sein Charakter ist neben den von Phil das größte Rätsel, McPhees leerer Blick trägt dazu deutlich bei.

Audiovisuell gelingt Campion auch vieles. Die Lücken in der Erzählung, die langsam voranschreitet, federt sie mit gekonnten Einstellungen auf ihre Charaktere und ihre Lebensumwelt ab. Während der Sichtung habe ich schon bedauert, dass ich keine Möglichkeit hatte den Film im Kino zu sehen. Noch besser ist jedoch der Soundtrack von Jonny Greenwood, der sowohl romantisch als auch bedrohlich zu klingen vermag und sich perfekt in die eingefangen Bilder einfügt. Das klingt nach einer Lobeloge, die eine sehr hohe Wertung verdient, obwohl „The Power of the Dog“ für viele eine zähe Angelegenheit sein wird. Jedoch waren mir zu viele Sequenzen im Film, die zu unstet blieben, um an die ganz hohen Wertungen für mich persönlich zu kratzen. Daneben hat mir das oft gelobte Ende leider überhaupt nicht zugesagt, dennoch möchte ich jedem ans Herz legen, dem Film eine Chance zu geben. 7/10

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