Die Filmkunst bietet verschiedene Möglichkeiten, um den eigenen Film zu garnieren. Regisseure nutzen die Kunst des Schnittes für eine temporeiche Erzählung oder die Kunst der Kameraarbeit, um einen einzigartigen Film zu kreieren. Schon zu Stummfilmzeiten spielte die Musik eine große Rolle, um die auf Zelluloid gebrannten Bilder zu unterstützen. Auch in der Tonfilmära spielt Filmmusik einen eminent wichtigen Anteil: Was wäre „Rocky“ ohne Bill Contis „Gonna Fly Now“ oder was wäre Indiana Jones ohne die charakteristische Filmmusik von John Williams? In den letzten Jahren ist jedoch ein anderer Aspekt der Nutzung von Filmmusik wieder populär geworden. Die Nutzung von Popmusik in Filmen hat wieder an Bedeutung gewonnen.

Popmusik in Filmen

Angefangen mit dem Soundtrack zu „Saturday Night Fever“ im Jahr 1977, wurden Blockbuster oft mit einem Popalbum garniert, welches in den Achtzigern oft von Giorgio Moroder oder seinen „Lehrlingen“ Harold Faltermeyer und Keith Forsey produziert worden ist, oftmals auch von allen dreien zusammen. Auf das Konto des Trios gehen die Soundtracks zu „American Gigolo“, „The Breakfast Club“, „Beverly Hills Cop“, „Flashdance“, „Ghostbusters“, „Top Gun“ und „Scarface“. Von den bedeutenden reinen 80er-Pop Soundtracks war „Dirty Dancing“ so ziemlich der einzige, bei dem keiner der drei seine Finger im Spiel hatte. Nun gut, „Dirty Dancing“ war auch eine Produktion eines VHS-Unternehmens, das kaum Budget für den Soundtrack hatte. Dennoch hatte Musikproduzent Jeff McCullogh es geschafft eigens für den Film produzierte Songs wie „Hungry Eyes“ von Eric Carmen, Patrick Sayzes „She´s Like the Wind“ und natürlich „(I´ve Had) The Time of My Life“ gesungen von Jennifer Warnes und Bill Medley mit Klassikern und vergessenen 60er Songs zu einem stimmigen Soundtrackalbum zusammenzubringen. Wurde in den Achtzigern größtenteils Popmusik für den Film geschrieben, setzte sich nach und nach durch schon bekannte Songs wiederzuverwerten und die Musiklizenzen zu kaufen. Besonders erfolgreich war das 1990 beim Film „Pretty Woman“, dessen Titel sich sogar auf den zugekauften Titel des vom längst verstorbenen Roy Orbison bezieht. „Oh, Pretty Woman“ passte so perfekt in den Film, dass besonders die jüngeren Zuschauer dachten, der Song sei speziell für den Film komponiert worden. Ein ähnlicher Coup gelang im selben Jahr bei „Ghost – Nachricht von Sam“, wo eine Töpferszene vor allem wegen der Musikauswahl ikonisch geworden ist. Der Song, der die Szene untermalt war „Unchained Melody“ in der Version aus dem Jahr 1965 von den Righteous Brothers. Einer der beiden Sänger des Songs war Bill Medley. Funfact am Rande: Die Originalversion aus dem Jahr 1955, geschrieben für den B-Film „Unchained“ (daher auch der Titel des Songs) war für den Oscar als Bester Filmsong nominiert. Das zeigt, dass es schon vorher Filmmusik in Form von Liedern gab. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich der exzellente Soundtrack zu Mike Nichols „Die Reifeprüfung“ vom Folk-Duo Simon & Garfunkel. Die exzessive Popularität erreichte der Filmsong, wie wir ihn kennen, jedoch vor allem in den 1980ern.

Der Aufstieg des Needle Drops

Jedenfalls waren „Pretty Woman“ und „Unchained Melody“ Gamechanger. Sie machten eine Spielart des Umgangs mit Popmusik in Spielfilmen populär, für die es bis heute keinen deutschsprachigen Begriff gibt: den Needle-Drop. Auf Wunsch in den Kommentaren eine Ergänzung: Der Needle-Drop bezeichnet den Einsatz eines Musikstückes, das nicht explizit für den Film geschrieben worden ist. In der Regel wird die Bedeutung auf populäre Musik verengt, weswegen der Artikel hier sich auch auf diese Spielart des Needle-Drops. Auch hier gilt, Needle-Drops gab es schon vorher. Martin Scorsese hat schon früh in seinen Filmen Popsongs abgespielt und gilt als einer der Großmeister in der Verwendung des richtigen Needle-Drops. Dennoch lässt sich in den Neunzigerjahren eine exponentielle Wachstumsbewegung bezüglich Needle-Drops feststellen, die in den 2000ern abflachte, zuletzt jedoch eine Renaissance erlebte, weswegen häufig aktuelle Beispiele für Needle Drops genannt werden.

Anmerkung: Der folgende beispielgetränkte Teil ist beeinflusst von Patrick H. Willems Video: „A Complete Guide to Pop Music Needle Drops in Movies„. Teilweise werden Beispiele 1 zu 1 übergenommen und auch die Begriffserklärung fußt auf dem Video. Mein Text rafft die wichtigsten Punkte zusammen, jedoch versehene ich das Ganze mit meiner Sicht der Dinge, um zu einem eigenen Fazit zu gelangen.

Die Gefahr des Needle Drops und wie Tarantino es schafft diese zu umschiffen

Zurecht wird immer wieder angemerkt, dass ein Needle-Drop eines bekannten Songs eine Gefahr in sich birgt: Der Zuschauer wird aus der Imagination einer fremden Welt gerissen. Je weiter weg man sich vom realen, menschlichen Leben der Jetztzeit befindet, desto geringer die Chance, dass ein Needle-Drop funktioniert. In einem Film wie „Dune“ wäre der Einsatz eines Popsongs vollkommen deplatziert, in einem Film wie „Gladiator“ ebenso, in einem Film wie „Once Upon a Time in Hollywood“ hingegen kann der Needle-Drop die Imagination noch verstärken. Dabei ist festzustellen, dass Quentin Tarantino sich über alle Filme hinweg als Könner im Einsatz von populärer Musik etabliert hat. In seinem Erstlingswerk „Reservoir Dogs“ hören die Gangster einen Retroradiosender. So kommt es, dass eine Verfolgung statt mit spannender Filmmusik mit dem Gute Laune Popsong „Hooked on a Feeling“ von Blue Suede unterlegt ist und so kommt es, dass eine Folterszene, in der jemandem ein Ohr abgeschnitten wird mit dem Song „Stuck in the Middle with you“ von Steelers Wheel im Hintergrund verläuft. Tarantino macht hier eine Sache besonders clever, die eigentlich gar nicht Mal so clever ist: Er spielt die Musik im diegetischen Kontext ab, die Figuren hören die Musik selbst. Dies ist ein Schema, dass sich durch die meisten Tarantinofilme, die in der Gegenwart spielen, zieht. In „Jackie Brown“ kauft sich Max Cherry die Kassette, die ihm Jackie Brown empfiehlt, in „Once Upon a Time in Hollywood“ hören die Charaktere permanent Musik, so sehr, dass es schwer fällt ein prägnantes Beispiel herauszusuchen. Die größte Ausnahme in Tarantinos Reportoire ist in „Django Unchained“ zu finden, wenn mit Rick Ross Rapsong „100 Black Coffins“ ein anachronistischer Needle-Drop eingesetzt wird, der nondiegetisch das Siegesgefühl Djangos ausdrücken soll. Der bemerkenswerteste Needle-Drop ist ein anderer, der nondiegetisch (also nur für den Zuschauer zu hören ist) funktioniert, nämlich jener in „Kill Bill“. Dort nimmt Tarantino, das davor in den USA in Vergessenheit geratene Santa Esmeralda Discoflamencocover zum Klassiker „Don´t Let me be Misunderstood“ und unterlegt damit die zentrale Kampfszene des Films, ebenfalls nondiegetisch. Bei nondiegetischen Needle-Drops ist das Risiko die Szene zu ruinieren ungleich größer, weil keine direkte Konnektivität zum Setting oder zu den Figuren besteht. Der Needle-Drop in „Kill Bill“ ist dennoch ikonisch geworden, weil Tarantino geschickter Weise aus der Maxiversion einen Ausschnitt nimmt, der besonders wenig Gesang hat und damit fast schon wie klassische Filmmusik funktioniert.

Warum es „House of Gucci“ falsch macht

Während man bei Tarantino davon ausgehen kann, dass er ein sicheres Händchen für den richtigen Needle-Drop hat, dienen andere Filmemacher als besten Beweis, dass man das ganze sein lassen sollte. Ridley Scotts neuester Film „House of Gucci“ nutzt Needle Drops in der Regel diegetisch. In einer Partyszene lässt er nacheinander, willkürlich anmutend erst Donna Summers „On the Radio“, gefolgt von Chuck Witherspoons „Disco Fever“ und dann Donna Summer diesmal aber mit „Love to love you baby“ laufen. So kann keiner der Songs Kraft entfalten und der Needle Drop funktioniert nicht, obgleich hier ein glaubhaftes diegetisches Setting gegeben ist. Als Gegenbeispiel, dass dies funktionieren kann, dient Paul Thomas Andersons „Boogie Nights“, in der in der vielleicht besten Sequenz des Films werden nacheinander Rick Springfields „Jessies Girl“ und Nenas „99 Luftballons“ abgespielt, während Alfred Molina vollkommen freidreht und eine exaltierte Performance gibt. Während „Jessie´s Girl“ in voller Länge (ohne Kürzung) gespielt wird, vergeht „99 Luftballons“ mit Entwicklung der Szene im Hintergrund. Der Film lohnt sich allein für diese Szene, wenn ihr ihn also nicht gesehen habt, dann schaut den Film so schnell wie möglich. Zurück zu „House of Gucci“: Verglichen mit den diegetischen Needle Drops funktionieren die nondiegetischen noch weniger. So wird ohne Kontext der Eurythmicssong „Here Comes the Rain Again“ über zwei Szenen hinweg laufen gelassen. Ähnlich wird mit Blondies „Heart of Glass“ verfahren. Auch hier eignet sich „Boogie Nights“ als perfektes Gegenbeispiel. Anderson nutzt zur Darstellung der Anziehung Dirk Digglers (gespielt von Mark Wahlberg) auf Scotty J. (verkörpert von Philipp Seymour Hoffman) den Hot Chocolate Klassiker „You Sexy Thing“ in einem nondiegtischen Kontext. Zusammen mit Hoffmans Spiel und der Arbeit von Kamera und Schnitt ergibt sich eine Runde Szene, obwohl der Song im ersten Moment abgedroschen wirkt.

Weitere Beispiele für abgedroschene Needle Drops

Wenn wir über schwache Needle-Drop Einsätze reden, kommen wir um einen Regisseur nicht herum: Robert Zemeckis. Zemeckis nimmt immer den naheliegendsten Pic für seine Auswahl. In „Forrest Gump“ funktioniert das noch einigermaßen, weil der restliche Film so gut ist und mehr als dreißig Jahre amerikanischer Geschichte umspannt und die Songs als Orientierungsmarker dienen. Da darf es zum Vietnamkrieg auch Buffalo Springfields „Fort hat it´s worth“ sein, der eigentlich in diesem Kontext ebenso wie CCRs „Fortunate Son“ abgedroschen ist. In „Flight“ einem weniger gelungenen Film aus Zemeckis Oeuvre wirken diese Art von Needle Drops so abgedroschen, wie sie sind. So nutzt Zemeckis „Unter the Bridge“ von den Red Hot Chili Peppers zur Darstellung von Drogenkonsum und „Sympathy fort he Devil“ von den Rolling Stones zur Einführung eines Drogendealers. Wo wir gerade bei dem Stones-Klassiker sind, dieser führt die imposante Parade an Needle-Drops im ersten „Suicide Squad“ an, die ausnahmslos alle beschissen sind. „Sympathy for the Devil“ wird natürlich zur Einführung eines Bad-Ass Charakters genutzt. Auch ansonsten ist die Needle Drop Sammlung des Films eine Ansammlung abgedroschen eingesetzter Greatest Hits. Eminems „Without Me“ wird genutzt, wenn ein Charakter sich für den Anführer und unverzichtbar hält, Rick James „Super Freak“ charakterisiert eine Verrückte, Norman Greenbaums „Spirit in the Sky“ (ein Song, den Zemeckis für „Contact“ zur Darstellung von Hippies genutzt hat) wird hier eingesetzt, während das Squad in einem Helikopter fliegt. Wäre alles durchgegangen, wenn es diegetisch eingesetzt worden wäre, so wirkt es allerdings peinlich. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass diese und noch mehr Einsätze erst nach Erfolg des Trailers, der auf Queens „Bohemian Rhapsody“ abgestimmt war, von Seiten des Studios durchgesetzt worden ist, unter anderem mit dem Verweis, dass das in Marvels „Guardians of the Galaxy“ gut funktioniert hätte.

Warum es in „Guardians of the Galaxy“ funktioniert

Die „Guardians of the Galaxy“ Filme von James Gunn haben jedoch einen entscheidenden Unterschied zu dem 2016er „Suicide Squad“ und wenn Marvelfans ehrlich sind auch zu den meisten anderen Marvelfilmen, die seitdem ebenso exzessiv auf Needle Drops als Teil der Formel bauen. Alle Needle Drops in den Filmen sind diegetisch, wodurch sie geerdet werden, denn sie werden alle vom Hauptcharakter selbst mit seinem Walkman ausgewählt. James Gunn geht hier genauso vor, wie Tarantino es in den meisten Filmen tut. Deswegen funktioniert in „GotG“ ein Needle Drop, der ähnlich zu dem ist, den „Suicide Squad“ zwei Jahre später auch hatte. In einer Szene fliegt Peter Quill mit einem Raumschiff davon und hört dazu bewusst „Spirit in the Sky“ (zum besten Needle Drop mit diesem Song kommen wir später noch) von Norman Greenbaum. Dieses Prinzip nutzt sich auch im Nachfolger nicht ab, da Quill seine Mitstreiter von der Musik überzeugen konnte. Irgendwie sind diese Filme auch Filme darüber, Freunde in Sachen Musikgeschmack zu erziehen. In „Captain Marvel“ wird analog zum 70er Jahre Fokus in „GotG“ ein 90er Jahre Fokus mit weiblichen Vocalisten versucht. Hätte einigermaßen funktioniert, wenn die Songs diegetisch genutzt worden wären, auch wenn bis auf die zeitliche Komponente kein Kontext gegeben ist. Die einzige Szene in der Kontext aufgebaut wird, ist jene in der Captain Marvel kämpft und dazu No Doubts „Just a Girl“ ansetzt. Es passt zum woken Zeitalter, dass der Song gewählt wird, jedoch suggeriert er etwas, dass nicht ansatzweise im Film passiert. Carol Danvers kämpft hier nicht gegen ein Patriarchat, dass sie wegen ihrer Weiblichkeit unterdrückt hat. Deswegen wirkt dieser Needle Drop noch einmal deplatzierter als die anderen.

Warum es „Cruella“ falsch macht und „Drive“ richtig

Selbst Regisseure, die schon bewiesen haben, dass sie Needle Drops gekonnt einsetzen können, sind vor solchen Schnitzern nicht gefeilt. Craig Gillespie hat in „I, Tonya“ die Möglichkeiten des Needle Drops ausgeschöpft, um die Szenen zu unterstützen. Unvergesslich für mich, wie die Auftragstäter im Radio Laura Branigans Version von „Gloria“ hören, während sie zur von Tonya Harding verhassten Konkurrentin Nancy Karrigan fahren. In „Cruella“ hingegen reiht Gillespie einen sinnlosen Needle Drop an den nächsten. Allein in der ersten Stunde werden knapp zwanzig Einsätze gezählt. Keine Szene kommt ohne Drop aus, obwohl keine ihn gebraucht hätte. Überflüssig zu erwähnen, dass die Needle Drops nahezu ausnahmslos nondiegetisch waren. Die Needle Drops in „Cruella“ sind oft bekannte Songs großer Musiker, ebenso wurde in „Suicide Squad“ verfahren. Ein ideales Beispiel wie man mit nondiegtischen Needle Drops umgehen kann, ist Nicholas Winding Refns „Drive“. Im Gegensatz zu „Cruella“ wird hier nicht versucht, mithilfe von Needle Drops einen Filmscore überflüssig zu machen, sondern die Needle Drops werden dosiert eingesetzt und fügen sich neben dem Ambientscore von Cliff Martinez ein. Refn setzt ausschließlich Synthwave-Songs ein, die entweder den Score in bestimmten Szenen zu ersetzen (wie beim Einsatz von Kavinskys „Nightcall“) oder die Gefühle des schweigsamen Protagonisten für den Zuschauer kommunizieren (wie in „A Real Hero“ von College feat. Electric Youth). Wenn wir über funktionierende nondiegetische Needle Drops sprechen, müssen wir auch über Taika Waititis „Jojo Rabbit“ sprechen. Waititi geht ein hohes Risiko mit seinen Needles, sind sie auch noch anachronistisch. Während zu Beginn „Ich möchte deine Hand halten“ von den Beatles eine Parallelwelt vorausdeutet, in der die Nazis sich durchsetzen und Jojos Euphorie für Hitler und das Nazitum widerspiegeln, ist der zum Abschluss eingesetzte „Helden“ von David Bowie der Abschluss einer Schreckenszeit. Unglaublich, aber wahr, dass perfekte Ende dieses Films ist ein Tanz zu einem eigentlich nicht tanzbaren Song.

Needle Drops in Tanzszenen

Apropos Tanz, die sichere Bank eines gelungenen Needle Drops ist eine Tanzszene. Oft ist die Tanzszene Ausdruck vom Eskapismus der Figur. So geschieht es zum Beispiel in „The Nest“, wenn die von Carrie Coon gespielte Allison kurz vor Schluss in einen Gayclub geht und zu Bronski Beats „Smalltown Boy“ sich vollkommen fallen lässt. Die Mutter dieser Szene ist in Claire Denis „Der Fremdenlegionär“ zu finden. Der titelgebende Legionär, verkörpert von Denis Lavant, hält seine Emotionen den gesamten Film zurück, um sie in der allerletzten Szene allein im Club freien Lauf zu lassen, wenn er zu Coronas „The Rhythm of the Night“ vollkommen losgelöst tanzt. Ein weiterer solcher Fall findet sich am Ende von Thomas Vinterbergs neuesten Streifen „Der Rausch“. Wenn der von Mads Mikkelsen gespielte Martin, nach einem Jahr voller Wechsel aus Glückseligkeit, Krise, neuem Selbstbewusstsein, Verlust und Trauer seine Schüler bei der Feier ihres Schulabschlusses sieht, lässt er sich zu einer eskapistischen Tanzperformance zu Scarlet Pleasures „What a Life“ hinreißen, der schon am Anfang des Films eine Partyszene der jugendlichen Schüler und Schülerinnen untermalt. Das Ganze funktioniert dermaßen gut, dass man zunächst denkt, der Song sei für den Film geschrieben worden, auch weil er außerhalb Dänemarks vorher unbekannt war und nur kurz vorm Film erschien. Während meistens mit der Tanzszene Euphorie, Eskapismus und Lebensfreude wiedergewonnen oder ausgedrückt wird, setzt Edgar Wright in „Last Night in Soho“ eine Tanzszene ein, um Sexualisierung und Zwang darzustellen. Passend dazu nutzt Wright den ESC-Siegertitel „Puppet on a String“ von Sandie Shaw, der das dargestellte textlich untermalt (ebenso wie es bei „Der Fremdenlegionär“ und „Der Rausch“ der Fall ist).

Warum es Edgar Wright und Martin Scorsese es richtig machen

Überhaupt ist Wright einer der versiertesten Nutzer der Technik des Needle Drops. Während in seinem Debüt „Shawn of the Dead“ Zombies synchron zu Queens „Don´t Stop Me Now“ (das natürlich aus der Jukebox kommt) verdroschen werden, nutzt er in „Baby Driver“, wo der Protagonist die Musik selbst kuratiert, den unbekannten Queensong „Brighton Rock“. Auch Wright steckt nicht vor einfachen Needle Drops zurück, so sucht Baby in „Baby Driver“ für Deborah den gleichnamigen Song von T.Rex heraus und in „Last Night in Soho“ wird Eloise mit dem gleichnamigen Song von Barry Ryan konfrontiert. Wright schafft dabei den Wechsel aus bekannten Songs, die man fast schon erwartet und Überraschungen. Egal, welchen Needle Drop Wright auswählt, er wirkt immer passend. Immer, wenn er mehrere Songs einsetzt, steckt ein klares Konzept dahinter. Etwas, das ihn mit Altmeistern der Technik wie Tarantino und Scorsese verbindet. Martin Scorsese hat auch schon bevor er bekannt wurde, die heute beliebte Technik des ironischen Needle Drops angewendet. Während sich der ironische Needle Drop heutzutage auf Weiße, die sich cool fühlen und Hip-Hop hören, bezieht, hat Scorsese genauso wie Tarantino gerne Gewaltszenen mit fröhlich klingender Musik unterlegt. In „Goodfellas“ wandelt sich die Auswahl der Needle Drops mit zunehmender Filmdauer. Beginnt der film mit Happypop der Sechziger, wandelt er über härtere Rocksongs zu psychedelischen Liedern hin zum Abschluss mit dem Outro von „Layla“ mit Derek & the Dominos.

Warum es „The Founder“ richtig macht

Nicht für jeden Needle Drop braucht es ein filmumgreifendes Konzept. Manchmal reicht auch der perfekte Einsatz für eine Szene. Einer der besten Needle Drops findet sich im Abspann des McDonalds Films „The Founder“. Das raffinierte an diesem Needle Drop ist der Aufbau im Film. In einer Szene sagt Ray Kroc, dass McDonalds eine Institution wie die Kirche werden sollte. In jedem Ort soll ein McDonalds sein, der mit den charakteristischen Bögen genauso leicht zu erkennen sei, wie die Kirche. Wenn Kroc nach einigen Intrigen und Machtspielen den Konzern in seiner Hand hält und über seine Beharrlichkeit spricht und der Abspann einblendet und eingeblendet wird, dass es inzwischen mehr McDonalds-Filialen als Kirchen in den USA gibt, beginnt Norman Greenbaums „Spirit in the Sky“. Ein Gospelsong eines Juden für einen slawischstämmigen, der das ur-amerikanische Unternehmen zur kapitalistischen amerikanischen Kirche gemacht hat. So kann man auch den oft genutzten Song nehmen. Natürlich gibt es auch unverwüstliche Klassiker, die immer wieder genutzt werden können, wie „Gimme Shelter“ von den Rolling Stones, den Martin Scorsese mehrmals nutzt und auch von Matthew Vaughn in „Layer Cake“ und im Trailer zu „Le Mans 66“ eingesetzt wird. Dabei gilt jedoch zu beachten, dass immer verschiedene Ansätze zur Nutzung des Songs angebracht worden sind.

Warum es so oft in Coming Of Age Filmen angewendet wird

Bevor wir zum Fazit kommen, muss ein letzter Einschub erlaubt sein, denn während Fantasyfilme praktisch nie Needle-Drops einsetzen – Wie auch wenn sie in einer fremden Welt spielen? -, ist ein anderes Genre für den Einsatz von Needles prädestiniert: Der Coming Of Age Film. Kaum ein Film des Genres kommt ohne ihn aus und eigentlich hätte ich den ganzen Text allein mit Beispielen aus dem Genre füllen können, aber das wäre ein wenig zu einfach gewesen. Doch warum finden sich ausgerechnet in Coming Of Age Filmen viele Needle Drops? Zum einen wird Musikkonsum (wenn man nicht gerade Tarantino oder Scorsese ist) mit Jugend assoziiert und zum anderen finden sich in Coming Of Age Filmen oft Szenen, die für den Needle Drop prädestiniert sind: Partyszenen wären da zu nennen. Eine besondere „Partyszene“ bietet der Film „Lockere Geschäfte“, der seinerzeit die erste Hauptrolle für Tom Cruise darstellen sollte. Der junge Cruise spielt jemanden, der in der Abstinenz seiner Eltern im Eigenheim eine Art Bordell aufzieht. Den ersten Abend ohne elterliche Betreuung verbringt er damit die Stereoanlage aufzudrehen und zu Bob Segers „Old Time Rock N Roll“ im Schlüpper und offenen Hemd eine improvisierte Tanzeinlage hinzulegen. Bei all dem Irrsinn, den Tom Cruise schon für uns auf die Leinwand gebracht hat, jene Szene aus dem heute in Vergessenheit geratenen Film ist immer noch die beste seines Schaffens (auch wenn der restliche Film trotz Tangerine Dream Soundtrack dagegen abstinkt). Vom ältesten Beispiel des „Essays“ hin zu einem modernerem. In der Regel wird zeitgenössische Musik, die die Jugend von heute so hört, in Coming Of Age Filmen genommen, also Musik deren Alterungsgrad gerne sehr schnell verläuft. Im Netflixfilm „To all the Boys I´ve loved before“ findet sich jedoch ein anderer bemerkenswerter Needle Drop: Laura Jean wird von ihrem Vater ins Lieblingslokal der verstorbenen Mutter eingeladen. Dort spielt er den Lieblingssong der Mutter an der Jukebox an: „Everybody wants to Rule the World“ von Tears for Fears. Sofort spürt Laura Jean eine Verbindung zu ihrer Mutter, wodurch die Szene zur stärksten des Films wird. Umso ärgerlicher, dass der Needle Drop weder im Rest des Films noch in den (unnötigen) Fortsetzungen aufgegriffen wird. Lustigerweise nutzt fast zeitgleich auch „Bumblebee“ den selben Song mit dem Unterschied, dass der Film in den Achtzigern spielt und der Needle Drop eher ein Goodie ist, das eine sonnengetränkten Autofahrt unterlegt. Obwohl der Needle Drop im Coming Of Age Filmgenre oft eingesetzt wird, bleiben bei mir vergleichsweise wenig hängen, schlicht, weil ich die Songs zu schwach finde (ist ja schließlich oft die Musik, die die Jugend von heute hört) und die Needles oft auch eher langweilig eingesetzt sind. Ein letztes positives Beispiel ist bei näherer Betrachtung auch eher eins, dass aus der Stärke des Songs seine Kraft zieht. In einer der emotionalsten Szenen der John Green Verfilmung „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ läuft im Hintergrund „Wait“ von M83. Die vielleicht beste Ambientballade der letzten Jahre ist für emotionale Szenen ein Joker, der immer sticht, der Einsatz muss nicht einmal besonders kreativ sein (die emotionale Kraft des Songs drückt die Stärke der Liebe der krebskranken Teenager zueinander aus) oder eine zweite Ebene haben und er funktioniert dennoch, was sicherlich dazu führen wird, dass er in den nächsten Jahren für die meisten Menschen todgenudelt wird.

Was man beim Einsatz von Needle Drops beachten muss

Bei all den genannten Beispielen, viele für gelungene Needle Drops, aber auch einige misslungene, stellt sich die Frage, ob und wann der Einsatz für Needle Drops lohnt. Einige Punkte sind schon anhand der Beispiele angedeutet worden, dennoch nützt eine Zusammenfassung, um zu verdeutlichen, warum Needle Drops Mal funktionieren, und Mal fehlzünden. Zunächst einmal sollte man sich bewusst machen, dass jeder Needle Drop das Risiko birgt den Zuschauenden aus dem Film zu werfen. Besonders gefährlich ist es, wenn ein bekannter Song schlecht eingesetzt wird. Der Needle Drop sollte einen Mehrwert gegenüber dem Einsatz eines klassischen Filmscores haben. Auch wenn es vereinzelt Gegenbeispiele gibt, sollte man nicht auf anachronistische Needle Drops setzen. Ebenso sollte in futoristischen und Fantasywelten auf Needle Drops in Form von zeitgenössischem Pop oder Rockmusik verzichtet werden. Wenn es möglich ist, sollte man Needle Drops diegetisch nutzen. Sollte es nicht möglich sein, sollte man besonders sorgsam bei der Auswahl des Songs sein und den nondiegtischen Needle Drop dennoch mit Setting oder Charakteren verknüpfen. Nicht der Versuchung erliegen, den naheliegensten Needle Drop zu nehmen. Wenn man mehrere Needle Drops einsetzt, braucht es ein filmübergreifendes Konzept (wie beispielsweise einen Charakter, der die Songs kuratiert). Daneben sollte man die Zielgruppe des Films kennen, je breiter sie ist, desto eher darf es ein bekannter Song sein, in Coming Of Age Filmen ist ein anderer Needle Drop gefragt als im Arthausdrama. Wenn man diese Regel beachtet oder gut begründete Ausnahmen hat, sollte ein Needle Drop für den Film funktionieren und nicht nur erinnern welch großartige Songs es gab (und ja das ist explizit an die hier genannten Negativbeispiele gerichtet).

Jetzt habe ich viel zum Thema geredet, habe aber zwei Fragen an euch: Mögt ihr den Einsatz von Needle Drops in Filmen? Gerne mit Begründung; sowie: Welche Needle Drops bleiben euch als besondere Beispiele hängen?

5 Kommentare zu „Was ist ein Needle Drop und wie wird er richtig eingesetzt?

  1. Sehr schöner Beitrag. Hat Spaß gemacht ihn zu lesen. Ich würde jedoch Nomadenseele zustimmen, dass du vielleicht „Needle Drop“ sowie die Begriffe „diegetisch“ und „nondiegetisch“ hättest erklären können. Ich glaube nicht, dass alle Leser/innen so tief in der Materie drin sind wie du.

    Außerdem würde ich gerne an einer Stelle etwas einwerfen:

    „Zum einen wird Musikkonsum mit Jugend assoziiert…“

    Das halte ich für eine zumindest steile These, über die ich erstmal nachdenken muss. Mein erster Impuls wäre energisch zu widersprechen, bin mir aber noch nicht ganz sicher.

    Erst mal so viel. Deine Anschlussfragen greife ich später noch mal auf.

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    1. Bei Needle Drop stimme ich zu, habe auch noch mal einen Erklärungssatz eingebaut, bei diegetisch und nondiegetisch würde ich sagen, für das Leseverständnis reicht die Erklärung im Text.

      Mir fallen massig Beispiele ein, wo junge Menschen Musik in Filmen konsumieren, bei älteren wird es außerhalb von Tarantinofilmen dünn und auch gesellschaftlich wird zumindest Popmusik oft mit Jugend assoziiert oder zumindest der große Musikkonsum. Ob das so richtig ist, wage ich zu bezweifeln und hoffe selbst irgendwann widersprechen zu können.

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  2. „bei diegetisch und nondiegetisch würde ich sagen, für das Leseverständnis reicht die Erklärung im Text“

    Ja gut, das ist natürlich schwer zu sagen, da wir beide wissen was die Begriffe bedeutet. Ich hätte jetzt gesagt, wenn man dieses Wissen nicht hat, reicht die Erklärung eben nicht. Aber das kann wohl nur jemand beurteilen, der/die das betrifft.

    „wo junge Menschen Musik in Filmen konsumieren, bei älteren wird es außerhalb von Tarantinofilmen dünn und auch gesellschaftlich wird zumindest Popmusik oft mit Jugend assoziiert oder zumindest der große Musikkonsum. “

    Ok, ich verstehe was du meinst. Ich glaube wir haben da auch ziemlich unterschiedliche Wahrnehmungen und Biographien. Meine Ex-Bandmitglieder und aktuelle Kollegen, die noch aktiv Musik machen, sind alle weit über 30, oder gar schon um die 40. Das sind natürlich für mich die ersten Assoziationen, wenn es Musikkonsum geht und die sind offensichtlich weit von ihrer Jugend entfernt. In Filmen fallen mir schon auch einige Beispiele ein, in denen „Erwachsene“ Musik konsumieren. Aber auch das könnte wieder daran liegen, dass ich vielleicht nicht so viele Filme schaue, in denen Jugendliche mitspielen, wie du.

    Ganz persönlich habe ich in meiner Jugend eher weniger Musik gehört als dann später im Erwachsenenalter.

    „Mögt ihr den Einsatz von Needle Drops in Filmen?“

    Ich weiß nicht mehr, ob ich das in einem Kommentar auf der Kinotagesstätte gesagt hatte oder an anderer Stelle. Aber als ich die Liste meiner persönlichen Lieblingsszenen vorgestellt habe, hat mich Benni darauf aufmerksam gemacht, dass sehr viele davon mit einem (Pop)song unterlegt waren. Das war mir bis dahin eigentlich gar nicht aufgefallen, obwohl es doch ziemlich offensichtlich ist. Von daher würde ich schon sagen, dass ich den Einsatz von Needle Drops mag oder zumindest emotional sehr anfällig dafür bin.

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