Originaltitel: Verdens verste menneske

Regie: Joachim Trier

Drehbuch: Joachim Trier & Eskil Vogt

Darsteller: Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie, Herbert Nordrum

Länge: 128 Minuten

Genre: Tragikomödie

Produktionsland: Norwegen

Gesehen am 13.2.2022 im Lumiere Kino Maastricht in der norwegischen Originalfassung mit englischen Untertiteln

deutscher Kinostart: 02.06.2022 unter dem Titel „Der Schlimmste Mensch der Welt“

Inhalt

Julie (Renate Reinsve) ist Ende Zwanzig als sie sich sowohl beruflich als auch beziehungstechnisch am Scheideweg befindet. Sie geht eine Beziehung mit dem mehr als zehn Jahre älteren Comiczeichner Aksel (Anders Danielsen Lie) ein, doch bald spürt Julie, dass sie ausbrechen muss.

Meine Meinung zum Film

Knapp drei Wochen ist meine erste Sichtung des norwegischen Oscar-Beitrags (nominiert für den Besten Internationalen Film und das Beste Originaldrehbuch) her, seitdem lässt er mich nicht mehr los. Im Grunde ist der Film eine gewitzte Charakterstudie über Julie, eine Endzwanzigerin (im Rahmen der Handlung feiert sie Ihren 30. Geburtstag), die nicht wirklich weiß, was sie will und daher dazu neigt falsche Entscheidungen zu treffen. Der Film, der den Abschluss der „Oslo-Trilogie“ von Regisseur Joachim Trier und Drehbuchautor Eskil Vogt, würde überhaupt nicht funktionieren, wenn Hauptdarstellerin Renate Reinsve die Rolle nicht so ausspielt, wie sie es tut. Reinsve, die am Tag vor dem Anruf Triers beschlossen hatte die Schauspielerei sein zu lassen und stattdessen Tischlerin zu werden, ist Julie. Wie sie diesen wankelmütigen, gleichsam intelligenten wie schwierigen Charakter verkörpert, ist unglaublich gut. Vollkommen verständlich, dass Reinsve für diese Leistung als Beste Schauspielerin in Cannes ausgezeichnet worden ist. Nun bin ich ein paar Jahre jünger als Julie, dennoch kamen mir nahezu alle Probleme, Gedanken und Wünsche seltsam vertraut vor, entweder von mir selbst (besonders die Vater-Tochter-Beziehung triggerte bei mir besonders) oder aus meinem Freundeskreis. Dabei ist das besondere, dass dieser Film den Spagat schafft zunächst leichtfüßig zu sein und sich im Kern von Anfang an ernst zu nehmen.

Der Film hat einen episodischen Charakter, da er in zwölf Kapitel zuzüglich Prolog und Epilog eingeteilt ist. Dabei ist der rasant geschnittene Prolog ein Prototyp einer typischen Romantic Comedy der 90er und frühen 2000er. Julie ist zu Beginn des Films nicht an einer Beziehung interessiert, fokussiert sich stattdessen auf Karriereselbstfindung bis sie den faszinierenden Comiczeichner Aksel trifft und bei ihm einzieht. Allerdings nimmt der Prolog nur die ersten knapp zehn Minuten des Films ein. Stattdessen porträtiert der Film die Problematik des Altersunterschieds auf subtile Weise ebenso wie Julies fehlende Bindungsfähigkeit. Dabei ist das zweite Kapitel hervorzuheben, in dem Julie auf Eivind trifft, der ebenso wie sie das Gefühl hat in einer Beziehung festzuhängen. Wie dieser Film hier zwischen dem Gefühl, dass das was sie da machen falsch ist und dass es sich für sie richtig anfühlt, balanciert, ist meisterhaft. Darauf folgt dann ein kurzes Kapitel über Oralsex in Me-Too Zeiten, welches gleichsam bissig wie witzig daherkommt. Immer wieder lockert Trier mit solchen Momenten den Film auf, so gibt es zu Julies dreißigsten Geburtstag eine Montage aus ihren mütterlichen Vorfahren, die am 30-sten Geburtstag viel weiter (zumindest wenn man das auf Familie und Kinder bezieht) waren und erwachsener sein mussten.

Hier zeigt sich, dass Trier und Vogt ein Gefühl dafür haben, welche banal wirkenden Probleme Millenials daran hindern sich selbst zu verwirklichen. Daran angelehnt ist auch der Titel, der im norwegischen wohl eine gängige Redewendung dafür ist, wenn man seine Entscheidungen hasst. Ein Empfinden, welches Julie öfters in der hier abgebildeten Zeitspanne erleben wird. Durch das episodische Erzählen baut Trier auch andere Genrereferenzen ein, besonders der Mid-Point des Films ist dadurch einzigartig und besonders memorabel, wenn auch aus dem ansonsten realistischen Umfeld des Films ausbrechend (ähnlich wie eine Drogentripszenerie). In einem schwächeren Film würde der Film dadurch auseinanderbrechen, dieser Film schafft es jedoch zu jeder Zeit die richtigen Knöpfe zu drücken. Besonders eindrucksvoll sind die Trennungsszenen, vor allem wenn Julie weint und weiß, dass sie gerade einen Fehler begeht und ihn dennoch begehen muss.

Obwohl sich der Film viel Zeit nimmt, um die Charakterzüge von Julie, aber auch von Aksel und Eivind – Die beiden Herren spielen auch sehr gut, bleiben jedoch hinter Reinsve zurück – zu etablieren, pausiert das Tempo zu keiner Zeit. Nach anderthalb Stunden war ich fast schon traurig, dass der Film bald schon zu Ende sein würde. Im letzten Viertel legt der Film einen tonalen Wechsel hin, der aufgrund des vorherigen Aufbaus nicht forciert, sondern natürlich wirkt. Dominierte zuvor die Leichtigkeit vor der Ernsthaftigkeit (trotz der Trennungsszene), nimmt das Drama gegen Ende des Films deutlich zu. Auch hier Bestand für mich zunächst die Gefahr, dass Trier und Vogt sich hier verheben, doch dank der Chemie zwischen Julie und Aksel hebt das ernste letzte Viertel den Film auf ein noch höheres Level als ohnehin schon.

Besonders die letzte Szene im Epilog strahlt eine Ambivalenz aus, die aktuell wohl nur in einem skandinavischen Film entstehen kann. Die Kombination aus all dem hat mich vollkommen überwältigt. Ich kann nicht sagen, wann ich zuletzt mit so einer Mischung aus Begeisterung und Melancholie aus dem Kino kam. Was ich aber sagen kann ist, dass ich den Film zum Deutschlandstart nochmal sehen möchte und ich ihn danach wahrscheinlich zu meinen Lieblingsfilmen zählen werde. 10/10

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