Zum Abschluss meiner diesjährigen ESC-Berichterstattung werfe ich einen Blick auf die Show zurück, die mich nach drei Monaten Dauerbeschäftigung noch vertröstet hat, nächstes Jahr wieder intensiv dabei zu sein. Ich werde mithilfe von einigen Fragen die Show aufdöseln und einordnen und gelegentlich Hypothesen aufstellen.

Wie war die Show?

Lang. Sehr lang. Mehr als vier Stunden sind für eine Familienshow zu lang, während die Wettbewerbssongs nach einer stimmigen Einleitung um kurz nach elf über die Bühne gegangen sind, folgte die längste Votingphase mit fünfzig Minuten, früher waren es mal fünfzehn. Die Hälfte der Zeit hätte locker gepasst, aber irgendwie muss man den vier (!) Moderatoren was zu tun geben. Ein Moderationsduo hätte vollkommen ausgereicht. Die Intervallacts hatten unterschiedliche Qualität: Während die ESC Supergroup um das Wurst, Mans Zelmerlow, Eleni Foureira, Verda und Netta überzeugten, versagte der für eine Millionengage eingeflogene Superstar Madonna total. Seit mehr als zehn Jahren hat sie eh schon nichts mehr vernünftiges gerissen, doch ihr grottenschlechter Auftritt schreit nach Karriereende. Dafür wurden Zuschauer die durchhielten mit einem spannenden Voting entschädigt, auch wenn das Ende viel zu lang gezogen wurde.

Wie war die Qualität der Songs?

Über einige Finaleinzüge war ich doch sehr überrascht, so hätte ich Polen, Ungarn, Portugal, Armenien, Österreich und Litauen im Finale gesehen. Immerhin hat keiner schlechter als Madonna gesungen, auch wenn Serhat für San Marino nahe dran war. Sonst war die Qualität gut, es war wieder ein sehr guter ESC-Jahrgang. Der Eurovision Song Contest wird immer mehr zu einer letzten Oase guter Popmusik, wer das wohl vor fünfundzwanzig Jahren gedacht hätte.

Warum war das Ergebnis so knapp?

Die Niederlande waren die ganze Zeit der Topfavorit und zementierten diesen Status in der Finalwoche sogar, dennoch sah es lange so aus als würde Duncan Laurence den „Gabbani“ machen und nicht gewinnen. Das Juryvoting hielt eine große Überraschung parat, Nordmazedonien führte lange und war Zweiter nach der Bekanntgabe der Jurypunkte, eine Sensation lag in der Luft. Dementgegen waren die Siegchancen von Norwegen und Island da schon passe. Beide wurden durch viele Televotingpunkte (Norwegen gewann sogar das Televoting) noch in die Top Ten gespült. Entgegen der Pessimisten, die Italien schon abschrieben und wie ich vorhergesagt habe, landeten am Ende Niederlande und Italien vorne, weil sie der gemeinsame Nenner waren. Schweden fiel wieder im Juryvoting ab, genauso wie Nordmazedonien. Vielleicht war die Klavierperformance nicht die beste Wahl, meine Freunde jedenfalls waren von „Arcade“ nicht berührt und auch nicht wirklich überzeugt.

Warum gewann Norwegen das Televoting?

Von der deutschen Bubble als FanFavouriteFail gehandelt, gewann Norwegen das Televoting. KeiiNos Ethno-Eurodancesong zogen die Leute ans Telefon. Gemerkt hatte ich schon vorher, dass mein persönlicher Lieblingssong etwas reißen könnte. Mein Kumpel hatte genauso wie seine Schwester Norwegen vorne und meine beste Freundin auch (sie zusammen mit Italien). Außerdem las ich im Internet Sachen wie, ich rufe normalerweise nie da an, aber dieses Jahr vote ich für Norwegen. Zwischenzeitlich hab ich sogar geglaubt, Norwegen könne gewinnen, dies verhinderten die Jurys. Neben der Qualität des Songs – ich prognostiziere europaweit Topplatzierungen in den Dancecharts – halfen auch weiche Faktoren mit, so war „Spirit in the Sky“ die einzige klassische Dancenummer im Finale, dazu der Unique Selling Point mit dem Joik (hätten die Schweden übrigens auch haben können) und dann die Startposition zwischen den Schnarchnummern aus UK und Israel.

Warum waren die Votings so unterschiedlich?

Es ist ein fortwährender Trend, die Votings von Jury und Zuschauern separieren sich immer mehr. Dieses Jahr führte das sogar zu einem Sieger, den weder Publikum noch Jurys vorne hatten. Die EBU forciert dies wahrscheinlich mit ihren Maßgaben an die Jurys, um ein hochspannendes Finale zu haben. So schwierig es ist, Trends herauszulesen scheint klar, dass die Jurys ruhige Balladen und sauber produzierte und gesungene Songs würdigen, während Zuschauer die Songs würdigen, die für sie herausstechen. Außerdem hat die Startnummer beim Juryvoting einen geringeren Einfluss als beim Televoting, was zum Beispiel Tschechien auf die Füße fiel. Auf den ersten vier Plätzen fand sich der gemeinsame Nenner, bevor die Topfavoriten von Jury und Televote kamen.

Ist das Votingsystem richtig?

Diese Frage könnte man jedes Jahr stellen, allerdings muss ich sagen, dass mir dieses System gefällt, da so die Wahrscheinlichkeit für einen verdienten Sieger gestiegen sind. Selbst Juryskeptiker unter den (deutschen) Fans werden dieses Jahr wenig über die Jurys maulen, schließlich haben sie Duncan Laurence zum Sieg verholfen und KeiiNo verhindert.

Hat Schweden sein Mojo verloren?

Schweden galt lange als das ESC Land schlechthin, seit dem Wegfall der „Own-Language-Rule“ hat kein Land häufiger gewonnen und bessere Ergebnisse eingefahren. Seit Einführung des Halbfinals ist Schweden nur einmal gescheitert und in den letzten zehn Jahren hat man achtmal einen Top Ten Platz belegt. Auch dieses Jahr reichte es zu Rang Sechs, aber ähnlich wie letztes Jahr wurde man im Televoting abgestraft. Während letztes Jahr Auftriitskonzept und die ein oder andere unbedarfte Äußerung Ingrossos zur Pleite führten war es dieses Jahr ein Muster an Mutlosigkeit. Schon in den letzten Jahren gewann Schweden nicht den Innovationspreis, da die Songs sich sehr an populären Sounds orientierten und oftmals von einem jungen Mann performt wurden, hat man dieses Jahr einfach den Jurysieger vom letzten Jahr mit ein paar Gospelsängerinnen zur Unterstützung genommen und einen stärkeren Beat untergelegt. Anstatt das europaweit hohe Standing schwedischer Produktionen zu nutzen und beim Melodifestivalen, dem Non-Plus-Ultra der ESC-Vorentscheide, einen mutigen Beitrag zu wählen, wählten die Schweden John Lundvik vor Bishara (ein Sechszehnjähriger mit Allerweltsballade) und einem Duo, dass ein Fast-Plagiat von „Dusk till dawn“ sang. Dabei waren im Finale auch ein schwedischer Dansband, ein Klassesong mit Joikpart, eine coole Nummer einer sechszehnjährigen und Anna Bergendahls zweiter Versuch beim ESC was zu reißen (beim ersten schied sie im Semifinale aus). Alle diese Songs hätte ich lieber gesehen, als John Lundvik. Wenn Schweden nicht aufwacht, werden sie auf Jahre hinaus die selben Klatschen erfahren und Mans Zelemerlow wird lange der letzte schwedische Sieger bleiben.

Wer waren die FanFavouriteFail?

Malta (etwas unverdient), Griechenland (hochverdient) und Zypern (noch hochverhinderter).

Waren die S!sters der falsche Repräsentant?

Ich weigere mich das so stehen zu lassen, mein Kumpel fand den Song überraschend gut, mein Vater noch überraschender auch. So schlecht kann das nicht gewesen sein. Der NDR und die Bubble können sich streiten wer Schuld an der schlechten Platzierung hatte. Die beiden Sängerinnen hatten sie am wenigsten. Das Staging war schlecht, die PR war mittelmäßig (Norwegen hat das zum Beispiel vorgemacht) und die Fans haben seit Monaten sich über den Song, die Interpretinnen und den Vorentscheid das Maul zerrissen und damit auch die Lage beeinflusst.

Wie zufrieden bin ich mit dem Ergebnis?

Bis auf die Pleite des deutschen Beitrags, hätte den beiden einen besseren Platz gewünscht, war ich lange am Ende nicht so zufrieden. Vier meiner Top Sechs sind in den Top Five gelandet (Russland war nicht meins), die anderen beiden auf Platz Sieben (Aserbaidschan) und Elf (Tschechien). Vor allem Norwegens Abschneiden hat mich sehr gefreut, da einige selbstverliebte Pseudointellektuelle „Spirit in the Sky“ als Teufelswerk behandelten, aber glücklicherweise hat der Televoter Geschmack bewiesen. So machte es mir nichts aus, dass das grausame Liedchen aus Down Under Neunter wurde, auch weil Bilal Hassani zurecht in der zweiten Hälfte gelandet ist.

Wie ist Hataris Verhalten zu bewerten?

Der Eurovision Song Contest ist unpolitisch, kann man halten, was man will, aber bei der Punktevergabe Free Palästina Schäle hochzuhalten grenzt schon an Frechheit. Ich hatte mit Hatari von Anfang an das Problem, dass sie sich zuerst für einen Boykott des ESCs in Israel eingesetzt haben, nur um selbst hinzufahren. Wenn man sich zur Teilnahme verpflichtet, sollte man sich an die Regeln und Geflogenheiten halten. Die EBU prüft Sanktionen gegen Island.

Für wen habe ich abgestimmt?

Ich habe meine zwanzig SMS ausgeschöpft und sie folgendermaßen verteilt:

7x Norwegen

4x Niederlande

2x Aserbaidschan, Schweiz, Tschechien

1x Italien, Estland, Weißrussland

 

Wie wird meine Berichterstattung in Zukunft aussehen?

Der ESC wird weiter wichtiger Bestandteil meines Blogs bleiben, gegen Winter wird eine neue Staffel ESC Perlen kommen. Zum deutschen Vorentscheid wird es wieder was von mir geben. Das Powerranking werde ich mit bewährtem Konzept fortsetzen, nur ob es den Podcast nochmal geben wird, weiß ich nicht, da muss ich mich mit personare kurzschließen, er ist nämlich für eine kürzere Länge des Podcasts, das passt mit dem ESC nicht wirklich.

Das wars für dieses Jahr, nächstes Jahr wird der ESC hoffentlich in Maastricht gastieren.

 

7 Kommentare zu „Eurovision Song Contest 2019 – Die Nachlese

  1. Sehr schöne ausführliche Analyse! Dazu ein paar Stichpunkte:
    * Jap, die 50 Minuten Votingphase waren echt lang, vor allem wenn man sowieso nur 20mal abstimmen darf.
    * Die 4 Moderatoren finde ich okay, wenn 2 fest den Greenroom und 2 fest die Hauptbühne übernehmen. Hier haben die 4 aber auch mal gewechselt (beide Männer haben beim HF das Voting gemacht und im Finale dann wieder Erez und Bar Refaeli).
    Es reicht aber mMn auch, ein festes Duo (w+m) für die Hauptbühne und einen Sidekick für den Greenroom zu haben.
    * Ich hab mich riesig auf „Like A Prayer“ gefreut, aber die Live vocals waren… Kleiner Widerspruch zum „in den letzten 10 Jahren nichts gerissen“. 2015 kam „Ghosttown“ raus und ich liebe diesen Song total 😍
    * Norwegen war ja mein Platz 37 im Powerranking 😂 Nun, ich mag den mittlerweile schon gerne zum Mittanzen, das geht echt ab, aber mir gefällt irgendwie die „Atmosphäre“ des Songs nicht, aber „Spirit Of The Hawk“ gefällt mir eben von der Atmosphäre her auch nicht, das ist genau das…
    * Über Griechenland als „hochverdient“ lese ich mal drüber haha 😂😂
    * Ich habe 20mal für das „grausame Liedchen aus Down Under“ angerufen und es hat sich gelohnt! Flawless Kate auf Platz 9 😍
    * Die Niederlande werden ein toller Gastgeber sein ubd ich bin überzeugt davon, dass wir alle mit 2020 gut in die nächste ESC-Dekade starten! (auch so ein bisschen die Revenge für Anouk 2013, die ja meine allererste ESC-Perle hier war ^^)
    * Ich freue mich auf die nächste Saison mit dir! ❤
    * Nächstes Jahr wieder das Powerranking? Heißt das, mein Vertrag wird verlängert? 😉

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    1. Das Non Plus Ultra der Moderatoren waren Mans Zelmerlow und Petra Mede. Seitdem ist mir keiner irgendwie in Erinnerung geblieben. Ein Duo und ein Sidekick für den Greenroom ist perfekt. Am besten muss ein solches Team aus einem/r profilieren TV Moderator/in, Comedian und Esc Teilnehmer.
      Sorry der letzte Geniestreich Madonnas war Hung Up. Finde sie aber allgemein überschätzt.
      Die Atmosphäre von „Spirit in The Sky“ ist genial, genauso wie „Spirit of the Hawk“.
      Sorry, Griechenland war doch wieder mal nichts, von der ach so tollen Stimme war bis auf den elend langen Ton nichts zu hören und der Song war so was von leer.
      Die Performance war grandios, so zu singen während man rumschwirrt, Respekt, im Finale hab ich Australien sogar 4,5 Punkte gegeben. Mehr als zB Griechenland, Frankreich oder San Marino.
      Die Niederlande wird großartig, die sind richtig im Fieber, die werden auch nächstes Jahr versuchen vorne zu landen und ein toller Gastgeber sein.
      Dein Vertrag wird natürlich verlängert.

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  2. Habe mit dem ESC nicht viel am Hut, ist aber interessant mal etwas Expertise zu lesen. Bin großer Musikfan und auch musikalisch, höre viel Unterschiedliches und hab vor paar Tagen mal aus Interesse in den deutschen Song reingehört und war wirklich erschrocken, wie grauenhaft der ist, daher hatte mich (ohne mich eben groß damit auseinanderzusetzen) das deutsche Abschneiden wenig überrascht 😀

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    1. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Leute damit nichts am Hut haben. Die musikalische Qualität ist doch erheblich gestiegen und in den letzten Jahren war da sonst vergleichsweise wenig gutes dabei, wenn man nicht komplett in die Nische guckt. Wer eher Rock oder Soul hört, wird seine Klangfarbe kaum wiederfinden, aber sonst gibt es ein schon breites Portfolio an Musikstilen. Vor allem weil fast nie ein eher mainstreamiger Song gewinnt.
      Mich hat das deutsche Abschneiden am Ende nicht überrascht, die Wettquoten sind immer ein solider Indikator, zumindest in der Finalwoche und da sah es lange nach den letzten Platz aus. Aber daran haben einige Leute mitgewerkelt.

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      1. Mich hat die Musik eben nie so recht angesprochen und das ist es worauf es bei mir am Ende ankommt. Bin nicht grad ein großer Pop-Fan und sicherlich wird es dem Contest nicht gerecht, ihn darauf zu reduzieren, da er sicherlich vielseitig ist. Den Siegersong fand ich ganz okay, nichts dass ich freiwillig hören würde aber kann man mal machen, wie schon gesagt dann einfach nicht so mein Geschmack. Mir fehlt da oft einfach das gewisse Etwas. Außerdem finde ich es auch sehr enttäuschend wie schwach Deutschland sich immer wieder präsentiert und das macht das ganze sehr unschmackhaft, dabei hab ich mir das als Kind ganz gerne gegeben.
        Ist mir im Endeffekt vielleicht auch einfach ein zu großes Tamtam, selten fühlen sich Performances oder Musik „echt“ an. Deshalb guck ich mittlerweile bloß nur noch übers Ergebnis, hör mir den Sieger und Deutschland an und das wars 😀
        Schade eigentlich

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        1. Ich denke wenn man das Finale guckt, ist für jeden etwas dabei und dann kann man sogar dafür voten, um das Ergebnis zu beeinflussen.
          Komisch, der Siegersong ist für mich einer der berührendsten Balladen, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Hab aber schon ein paar mal gehört, dass er mehr ganz ok ist.
          Zu großes Tamtam, stimme ich zu, deswegen bin ich froh, dass die Niederlande mit einer reduzierten Performance gewonnen hat und nicht sowas wie Frankreich oder Australien.

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  3. Ich frage mich bei diesem Schlager-Kasperletheater seit Jahren:
    – Warum ist nicht jeder Liedbeitrag in der jeweiligen Landessprache?
    – Was haben Israel und Australien beim ESC verloren? Stimmt mein Atlas nicht mehr…

    Habe mir grade „Sisters“ auf YT angesehen: Schlecht wäre noch gelobt!

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