Ich war am Dienstag auf der Weltpremiere des Films „Auerhaus“ im Kölner Filmpalast.

Inhalt

1983: Höppner (Damian Hardung) lebt in der hessischen Provinz in einem 6.500 Seelen Kauf. Als sein Sitznachbar Frieder (Max von der Groeben) einen Selbstmordversuch begeht, befürchtet er durch sein Abi zu rasseln, Frieder macht fast alle seiner Hausaufgaben. Um Frieder zu helfen und auch  um dem „F2M2“ (Fiesen Freund meiner Mutter) zu entkommen und um mit seiner Freundin Vera (Luna Wedler) zusammenzuziehen zu können, gründen die drei mit Streberin Cäcilia (Devrim Lingenau) eine WG in Frieders verlassenem Elternhaus…

Kritik

„Auerhaus“ ist der Film aus 2019 bei dem ich am meisten gewünscht hätte, dass ich ihn lieben würde, dafür ist der Film jedoch nicht gut genug. Vielleicht sollte ich auch zufrieden sein, einen tiefgründigeren Coming Of Age Film aus deutschen Landen zu sehen, da deutsche Jugendfilme oft entweder mäßige, übertriebene Humorkannonaden oder kindgerechte Freundschaftsfilme sind, aber „Auerhaus“ hat bei aller Einsatzbereitschaft einige Schwächen. Das fängt damit an, dass „Auerhaus“ damit anfängt, dass Höppner Frieders Tod ankündigt. Diese Art von Foreshadowing funktioniert fast nie, mir fällt als Positivbeispiel nur einer meiner All-Time Favoriten „American Beauty“ ein. „Auerhaus“ schafft es fast, denn durch diese Kenntnis nimmt man den Film den überwiegend ruhigen teilweise depressiven Grundcharakter besser ab.

Allerdings hat der Film zwei strukturelle Probleme, anders als der Verleih einen weiß machen will, handelt es sich bei den (zunächst) vier WG-Bewohnern nicht um Freunde. Die vier sind eine reine Zweckgemeinschaft, wodurch der Film einen seltsamen Vibe bekommt. Daneben erzählt „Auerhaus“ keine wirkliche Geschichte, der Film funktioniert als Erfassen von Momenten. Dadurch wirkt der Film allerdings unnötig zäh und so kommen einen 100 Minuten Laufzeit wie mindestens 120 Minuten vor. Während Höppner als Erzähler funktioniert, ist Frieder der zentrale Charakter des Films. Dennoch erfährt der Zuschauer nur rudimentär, was Frieder zum Selbstmord bewegt. Das muss nicht negativ sein, Max von der Groeben bisher eher als Spaßvogel aus der „FJG“-Reihe bekannt füllt Frieder vollkommen aus. Von der Groeben ist das Herz des Films, weswegen die anderen Charaktere allerdings etwas zurückbleiben. Luna Wedlers Vera zum Beispiel hat eine seltsame Charakterentwicklung, die ein wenig mehr Unterfütterung benötigt hätte, so ist sie am Anfang des Films extrem eifersüchtig und später propagiert sie die freie Liebe gegenüber ihrem Freund Höppner. Wedler schafft es mit ihrem Talent Vera weit weniger unsympathisch wirken zu lassen, als die Figur eigentlich sein müsste. Andere Darsteller fallen dagegen etwas ab, wodurch der Film seltsam ziellos wirkt. So bleibt völlig schleierhaft, warum Höppner sich konsequent der Musterung verwehrt, auch wenn dieser Storypart für zwei der lustigsten Filmmomente sorgt. Die Probleme, die das Zusammenleben mit sich bringen, bleiben auch zu weit im Hintergrund.

Dennoch hatte der Film immer wieder Momente, die ich sehr mochte, so wäre ich gerne auf der Spontanparty gewesen, die Frieder zu Höppners 18. Geburtstag organisiert. Genauso mochte ich wie der Verfall der Beziehung zwischen Höppner und Vera gezeigt wurde, speziell deutlich wird das durch die zwei Einsätze des inzwischen vergessenen Robert Palmer Songs „Johnny and Mary“. Der Soundtrack verkörpert gut die Achtziger, ich hätte mir gerne mehr davon gewünscht, auch der Gag, dass das „Auerhaus“ aufgrund einer Referenz zum Madness-Hit „Our House“ von den Dorfbewohnern so genannt wird, mochte ich. Die Szenerie empfand ich als glaubwürdig, so sahen Dörfer in den Achtzigern sicherlich auch aus. Die konsequente Zuspitzung im Finale des Films wirkt wie ein Gegensatz zum sich überhaupt nicht um erzählerische Konventionen scherenden Hauptteil, ist aber auch aufgrund des Foreshadowings nicht überraschend aber effektiv.

Fazit

Endlich mal ein ernstzunehmender Coming Of Age Film aus Deutschland. Leider verpasst „Auerhaus“ es jedoch den richtigen Spagat aus Beobachtung der Charaktere und erzählerischem Zug zu finden. So bleibt Potenzial für einen Topfilm liegen. 6/10

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland

Genre: Coming-Of Age

Laufzeit: 104 Minuten

Darsteller: Damian Hardung (Der Club der toten Dichter), Max von der Groeben (Die Lottokönige), Luna Wedler (Das Schönste Mädchen der Welt) uw

Regie: Neele Vollmar

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