Der Eurovision Song Contest 2021 ging am Samstag von statten. Wie erfolgreich das Modellprojekt mit Zuschauern wissenschaftlich war, steht in den Sternen, gezeigt hat es jedoch, dass solche Events dringlich vermisst werden. Ich werde hier jedoch auf andere Dinge eingehen, auf das Endergebnis, auf meine Prognose und auf meine Endrangliste des Jahrgangs, die doch ordentlich durcheinandergewirbelt worden ist.

Die Show

Kurz und knackig war das Opening. Nach weniger als zehn Minuten stand die zypriotische Sängerin Elena Tsagrinou mit dem ersten Wettbewerbsbeitrag auf der Bühne. Wie gewohnt wurden diese dann in zügiger Weise präsentiert. Doch mit dem Start der Votingphase lief das ganze aus dem Ruder. 45 Minuten Votingphase sind schlichtweg viel zu lang. Wie schon vor zwei Jahren plädiere ich für eine Verkürzung auf 15-20 Minuten. Das Rahmenprogramm wurde stellenweise als zu musikalisch kritisiert, ich empfand es jedoch als gelungen, vor allem die offensichtlich aufgezeichneten Rooftopauftritte hatten doch großen Charme, auch weil neben der Obvious Choice Mans Zelmerlow (Wird es nochmal einen ESC ohne ihn geben?) auch niederländische Sieger und andere weniger offensichtliche Wahlen getroffen worden. Die Moderation war unauffällig und wieder einmal frage ich: Warum braucht man vier Personen dafür?? Eine fantastische Idee war die aus der Not geborene Idee den Greenroom rund um die Bühne zu legen. Die Auftritte waren wie immer wertig inszeniert und die Bühne setzt wie inzwischen gewohnt neue Maßstäbe, dieses Jahr war es die runterfahrbare halbtransparente LED-Wand.

Die Songs & Interpreten

Der gesamte Jahrgang hat bei mir in der ESC Woche noch einmal gewonnen (mehr dazu im Endranking), auch weil der Jahrgang sich wieder durch eine lange untypische Vielfältigkeit auszeichnet und auch das Ergebnis legt nahe, dass sowohl seitens der Jury als auch seitens der Zuschauenden noch mehr Vielfalt gewünscht wird. Gerade bei den Rocksongs hat sich bei mir jedoch auch ein Wunsch verfestigt. Ich brauche zwar kein Orchester, aber eine Band, die ihre Instrumente in Fernsehgartenmanier spielt, wirkt doch befremdlich. Gut, die meisten Zuschauenden hatten kein Problem, zumindest legen das die sehr guten Ergebnisse für die Bands aus Italien, Finnland und Ukraine nahe. Zumindest bei Sieger Maneskin hilft aber auch ein riesiges Starpotenzial, was über den mittelmäßigen Punkrocksong ein wenig hinwegtäuscht. Sonst legt das Ergebnis nahe, dass es schwieriger geworden ist einen soliden esc-typischen Song mit einem außergewöhnlichen Auftritt zu einem Winner zu machen (Hallo Griechenland). Der Retrovibe, der um sich gegriffen hat, hat nicht geliefert. In einigen Fällen ist das zu begrüßen (Polen), in anderen zu betrauern (Dänemark).

Das Voting

So spannend das aktuelle Votingsystem ist, es hat einen Nachteil: Während das Juryvoting den Diasporavorwürfen ausgesetzt wird, kann das Publikumsvoting Punktegeschacher sein ohne vom Publikum als solches erkannt zu werden. Von daher wird Mal wieder das Juryvoting deswegen kritisiert, ich empfehle da aber die Votings der letzten reinen Televotingjahre mit dem jetzigen zu vergleichen und dann erkennt man, dass das zum Teil ärgerliche Voting zurückgegangen ist. Andererseits regen sich Fans ja gerne auf, wenn es keine Punkte für Deutschland aus unseren Nachbarländern gibt. Beim Juryvoting war Italien stärker als ich erwartet hatte, sodass ich zum ersten Mal mit einem italienischen Sieg gerechnet habe. Seltsam war nur das Juryvoting für Moldawien, auch wenn da Philipp Kirkurov beteilligt ist, eine solche Nicht-Leistung von Jurys belohnt zu sehen, mutet ridikül an und erinnert an Trashzeiten, die der ESC musikalisch hinter sich gelassen hat.

Das Endergebnis

Zwei BIG Five Länder sind vorne, in den Top Fünf wird viermal in Landessprache gesungen. Die musikalische Vielfalt gerade in der ersten Hälfte ist so groß wie nie zuvor. Aus rationaler Sicht ein gutes Endergebnis, auch wenn ich mich mit „Zitti e buoni“ nie hundertprozentig anfreunden konnte. Nach diesem Jahr bin ich der Überzeugung, dass die Big Five abgeschafft gehören. Stattdessen sollten die Top Fünf oder Sechs des aktuellen ESCs beim nächsten ESC im Finale gesetzt sein. Zum einen ist es statisch ein Nachteil nicht im Halbfinale aufzutreten, auch wenn dieses Jahr zwei Big Five Länder ganz vorne landen konnten. Wenn alle anderen BIG FIVE Länder geschlossen hinten landen, nehmen sie anderen Ländern den Finalplatz weg, die es mehr verdient hätten.

Außerhalb meines Prognoserahmens gelandet sind folgende Teilnehmer:

Zypern – Platz 16 statt 11-13

Belgien – Platz 19 statt 13-15

Portugal – Platz 12 statt 4-10

Serbien – Platz 15 statt 8-13

Griechenland – Platz 10 statt 12-16

Island – Platz 4 statt 6-10

Moldawien – Platz 13 statt 14-18

Finnland – Platz 6 statt 8-15

Bulgarien – Platz 11 statt 4-10

San Marino – Platz 22 statt 8-14

Die von mir ins Finale prognostizierten Beiträge aus Kroatien (Platz 11 im 1. Semi, sowohl in Jury als auch Publikum jedoch Top Ten), Rumänien (Platz 12 im 1. Semi), Dänemark (Platz 11 im 2. Semi, beim Televoting jedoch klar drinnen) und Österreich (Platz 12 im 2. Semi) waren jeweils next in Line in ihren Semis.

Das Nachspiel um den deutschen Beitrag

Schon bei Barbars Schöneberger hat sich ein leicht angetrunkener Jendrik nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Beim folgenden Interview hat er jedoch den Vogel abgeschossen:

  1. Er beginnt damit, dass er schon vor Monaten wusste, dass er die Erwartungen nicht erfüllen konnte und hat nichts getan, um die Erwartungen zu leveln. Das nach dem Contest zu sagen ist schwach.
  2. Er begründet vollkommen egoistisch, warum er nicht traurig ist, lässt genau den Spirit, den er im Vorhinein vermittelt hat, vermissen. Anstatt zu betonen, dass er die Message transportieren konnte, freut er sich dabei gewesen zu sein in einer Art, wie er auch als Zuschauer dabei sein könnte.
  3. Er hat bewusst einen Song genommen, von dem er ausging, dass er beim ESC gar nicht so gut ankommen würde und dass er bessere Songs gehabt hätte und er gibt zu, dass dies hinterhältig gewesen sei.

Aus der moralischen Position, die auch die Message seines Songs und sein Auftreten im Vorhinein transportierten, hat sich Jendrik als egoistischer Blender erwiesen, der scheinbar nichts ernst meinte. Dies ärgert mich im Gegensatz zum 25. Platz maßlos, auch heute noch und da hat der gute Herr den Schutz, den einige ESC-Fans ihm entgegen bringen auch nicht mehr verdient.

Das Nachspiel um Italien

Eigentlich will ich der Schwachsinnsdiskussion um einen möglichen Drogenkonsum des italienischen Sängers im Greenroom keinen Raum bieten, jedoch kann glücklicherweise festgestellt werden, dass der freiwillige Drogentest negativ war, wie erwartet. Auch die EBU hat der Zeitungsente direkt einen Riegel vorgeschoben.

meine persönliche Endrangliste

Seitdem ich mich durch die ESC-Jahrgänge höre (mehr dazu hier) bewerte ich die ESC-Songs zur Einordnung in einem 1-10 Schema. Songs mit mindestens acht Punkten schaffen es in die Playlist, Songs mit weniger als vier Punkten landen in der ESC-Hölle. Die Verteilung dieses Jahr ist folgendermaßen:

2×10, 2×9, 6×8, 5×7, 6×6, 4×5, 6×4, 5×3, 3×2, 0x1

In den Klammern finden sich Veränderungen im Vergleich zur Reihenfolge vor den LIVE-Shows:

  1. Dänemark – Fyr og Flamme „Ove os pa Hinanden“ (=)
  2. Ukraine – GO_A „SHUM“ (+1)
  3. Litauen – The Roop „Discotheque“ (-1)
  4. Frankreich – Barbara Pravi „Voila“ (=)
  5. Österreich – Vincent Bueno „Amen“ (=)
  6. Bulgarien – Victoria „Growing Up is Getting Old (+7)
  7. Niederlande – Jeangu Macrooy „The Birth of a New Age“ (=)
  8. Kroatien – Albina „Tick-Tock“ (=)
  9. Island – Dadi Freyr og Gagnamagnio „10 Years“ (+16)
  10. Australien – Montaigne „Technicolour“ (=)
  11. Russland – Manizha „Russian Woman“ (+7)
  12. Griechenland – Stefania „Last Dance“ (+5)
  13. Rumänien – Roxen „Amnesia“ (-1)
  14. Schweiz – Gjons Tears „Tout IÚnivers“ (-8)
  15. Malta – Destiny „Je Me Casse“ (-6)
  16. Portugal – The Black Mamba „Love is on my Side“ (=)
  17. Aserbaidschan – Efendi „Mata Hari“ (+5)
  18. Estland – Uku Suviste „The Lucky One“ (+1)
  19. Tschechien – Benny Christo „Omaga“ (-8)
  20. Irland – Lesley Roy „Maps“ (+1)
  21. Moldawien – Natalia Gordienko „Sugar“ (-6)
  22. Italien – Maneskin „Zitti E Buoni“ (+1)
  23. Albanien – Anxhela Peristeri „Karma“ (+3)
  24. Deutschland – Jendrik „I don´t feel hate“ (-4)
  25. Großbritannien – James Newman „Embers“ (-11)
  26. Serbien – Hurricane „Loco Loco“ (+2)
  27. Georgien – Tornike Kipliani „You“ (+5)
  28. Finnland – Blind Channel „Dark Side“ (-1)
  29. San Marino – Senhit feat. Flo Rida „Adrenalina“ (-5)
  30. Belgien – Hooverphonic „The Wrong Place“ (-1)
  31. Israel – Eden Alene „Set Me Free“ (+4)
  32. Zypern – Elena Tsagrinou „El Diablo“ (+1)
  33. Norwegen – TIX „Fallen Angel“ (+6)
  34. Schweden – Tusse „Voices“ (=)
  35. Nordmazedonien – Vasil „Here I Stand“ (+2)
  36. Spanien – Blas Canto „Voy a Quedarme“ (-6)
  37. Polen – Rafal „The Ride“ (-1)
  38. Lettland – Samantha Tina „The Moon is Rising“ (-7)
  39. Slowenien – Ana Soklic „Amen“ (-1)

Das war es mit dem ESC Jahrgang 2021, vielleicht werde ich mich in der Offseason auch hier auf dem Blog auch wieder mit dem ESC befassen, sonst geht es nächstes Jahr weiter.

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